Totgesagte leben länger – oder: Maingau

Aus der Abteilung Experimentierfreude

Es ist nicht angenehm, wenn Dinge teuer werden. Schon gar nicht, wenn es ein so einfaches und praktisches Instrument wie die universelle ESL-Karte betrifft.

Natürlich bietet sich bei Maingau der Vergleich mit dem GAU an, so wie es Stefan Moeller in seinem Video dazu getan hat. Aber er sagt auch: Das ist die Anpassung an die wirtschaftlichen Realitäten und da hat er einfach recht: Mit Verlust verkaufen kann man auf Dauer von niemandem verlangen.

Das Thema Ionity klammere ich sofort aus: Von dort kommen Abwehrangebote, um gezielt die von den Ionity-Eigentümern geplanten Kundenkreise anzusprechen, ohne den Riffraff mitnehmen zu müssen, den man wegen der eingenommenen Förderungen leider nicht komplett aussperren kann. Ein prohibitiver Preis tut diesen Job immerhin auch. Für mich sieht das so aus: Wenn sonst auf weiter Flur absolut kein Strom zu finden ist, kann man auch mal 50 Kilometer Reichweite teuer reinladen und zu einem realistischeren Angebot weiterfahren. Als Sicherheitsnetz ist das für mich ok.

Kommen wir zum Thema Auslandsbenutzung: Ich bin überzeugt, dass das als „Reise- und Urlaubsgoodie“ gedacht war, aber es ging durch Übernutzung schief. Ich mag Bjørn Nyland sehr, der sich als One-Man-Top Gear-Sendung der Elektromobilität in mein Herz gechannelt hat. Aber in Norwegen die ESL-Karte zu promoten (Use Maingau and get low price on Ionity), weil sie billigeren Strom ausspuckt als die Ladesäulenbetreiber selbst – das war vermutlich nicht hilfreich, denn das konnte über Kleinmengen hinaus nicht wirtschaftlich funktionieren. Bjørn hat es immerhin als Schlupfloch bezeichnet; viele Artikel, Blogs und Vlogs haben noch Öl ins Feuer gegossen und die ESL-Karte als billige Option für Ionity promotet. Ähnlich ist die Sachlage bei der Verwendung in anderen Ländern außerhalb Deutschlands. Außerdem: Bei einer Urlaubsfahrt sind die Stromkosten eine der kleinsten Ausgabenpositionen.

Warum verübt Maingau solchen Unsinn? Ich denke, die Ursache liegt im Diskriminierungsverbot innerhalb der EU: Deutsche und Norweger (oder auch Österreicher) dürfen nicht unterschiedlich behandelt werden und wenn ein Deutscher in Norwegen laden darf, kann man es den Norwegern nicht verwehren. Unterschiedliche Anbieter nehmen das unterschiedlich ernst, aber bei Maingau hat die Rechtsabteilung offenbar klare Standards. Eigentlich gut so, denn nicht jeder kann sich einen echten GAU nach Maut-Art leisten.

Kommen wir also zum Inlandsgeschäft und dem interessanten soziologischen Experiment, das Maingau mit individualisierten Preisen nun unternimmt. Klar finden das manche nicht witzig und werden sich diesem Experiment verweigern.

Für mich ist das trotzdem ein spannender Ansatz und niemand kann heute sagen, ob es funktionieren wird oder nicht, also zu einem für Anbieter und Kunden akzeptablen Preis- und Kostenmodell führen wird.

Was mir allerdings bis jetzt fehlt, sind Antworten auf Fragen wie

  • Werde ich irgendwann umgestuft, wenn sich mein „derzeitiges Ladeverhalten“ ändert?
  • Wird es Feedback geben, wie ich mein Verhalten ändern kann, um in eine günstigere Tarifklasse zu kommen? Vielleicht sind es nur einige wenige doofe Ladesäulen, die mein Profil verhageln und Alternativen wären möglich? Dann reagiere ich gerne mit Maingau-freundlicherem Ladeverhalten, wenn ich es weiß. Punktesystem? Einfärbung der Ladesäulen? Es gibt viele Möglichkeiten…

Die Kommunikation des neuen Setups ist also nicht so toll gelaufen, etwas kurzfristig ebenso. Möglicherweise brennt bei Maingau der finanzielle Hut schon lichterloh und man musste einen Rettungsmonat ins dritte Quartal pressen, wer weiß.

Und mir persönlich ist ein weiterer Aspekt wichtig: Elektrisch zu fahren ist nicht grundsätzlich ein Sparprogramm, so wie es das bei Verbrennern auch nicht grundsätzlich so ist. Es wird viel argumentiert, aber ein zehn Jahre alter Diesel-Corsa ist immer billiger.

Wenn man dann so Aspekte wie Sicherheit, Ressourcenschonung, Bequemlichkeit, Performance, Transportbedarf, typisches Fahrprofil, Technikinteresse und so weiter mit einbezieht, sieht es häufig anders aus. Sparideen sind das praktisch nie.

Das bedeutet nicht, dass E-Fahrer die besseren Menschen sind, sondern dass sie ihr Geld in eine bevorzugte Richtung lenken. Das kann natürlich jeder tun, wie er möchte und es für richtig hält.

Mit der Änderung des ESL-Preismodells von Maingau ist das elektromobile Abendland aber nicht am Ende, es entwickelt sich nur weiter. Veränderungen sind nicht immer bequem und ja, das Umsortieren der Ladekarten nach Tarifänderungen ist immer etwas nervig. Bei den „Standardsäulen“, die ich häufig verwende, ist das aber schnell erledigt. Für die Langstrecke muss man ohnehin häufig nachsehen, weil es ja nicht so ist, dass nur Maingau irgendwelche Preise ändert.

Ich behalte die ESL-Karte also definitiv und werde beobachten, wie sich meine Nutzung verändern wird. Ohne Grundgebühr ist das auch vollkommen risikolos, keiner zwingt mich.

Was wäre die Kommentarliste gewesen, wenn Maingau einfach Insolvenz angemeldet hätte, wie die Bayerische Energieversorgungsgesellschaft in 2019? Sag zum Abschied leise Servus, es war schön, solange es noch ging…

Das kann man auch nicht wollen!

Fazit: Einfach Strom Laden bleibt, Billig Strom Laden hat es nie geheißen…


Eine leicht geänderte Fassung dieses Artikels ist im Blog Mit Strom durch Harz und Heide erschienen.

Eine kürzere Fassung gibt es auch auf Goingelectric.de.

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