Bitte vor den Vorhang!

Bitte vor den Vorhang!

Aus der Abteilung “Mehr statt Leer”

In 2020 hat sich in der Ladeinfrastruktur vieles getan, einiges erfreulich und manches weniger angenehm: Der Maingau-Gau, die Einführung der ENBW-Zeitgebühr, Installation der Tesla V3-Lader, Eröffnung des Ladeparks Hilden, neue Ladeparks und Ladesäulen (aber immer noch zu wenige), eine schwachbrüstige EEG-Gesetzesnovelle, eine neue Förderung privater Ladesäulen, aber auch generelle Kostenerhöhungen beim Fahrstrom. Mir ist jedenfalls kein überregionaler Anbieter bekannt, der 2020 weniger für den Ladesäulenstrom verrechnet als 2019.

Umso erfreulicher ist es, wenn Firmen ihren Kunden kostenlose Lademöglichkeiten zur Verfügung stellen. Die bei Standorten mit hoher Kundenfrequenz aufgestellten „Flexiblen Ladesäulen“ waren ein Fortschritt, denn sie haben praktisch über Nacht zwei schnelle CCS-Ladepunkte (bis 100 kW) und zwei AC-Ladepunkte (bis 22 kW) realisiert. Nach der ersten Überraschung (Ladesäule nach zwei Tagen leer) wurden sie mit Nachspeisungen aus dem Stromnetz versehen. Damit wurde aber auch das Problem dieses Konzepts offensichtlich: Mit den Schnellladern können in kürzester Zeit wesentlich größere Energiemengen abgesaugt werden als die Nachspeisung liefern kann. Dementsprechend sind die flexiblen Ladesäulen mittlerweile häufig leer.

Diese Schnelllader haben gefühlt eine größere Menge von „Ladetouristen“ angezogen, die häufig schon zu frühen Tageszeiten die Ladesäule per CCS entleeren. Dabei ist es egal, ob sie dabei z.B. tatsächlich einkaufen oder das zugehörige Restaurant wirklich besuchen, oder nicht – mein Eindruck ist allerdings, dass doch relativ viele nur zum Laden und nicht zum Shopping kommen. Damit ist dieses Konzept eigentlich gescheitert, einerseits weil es große Energiemengen liefert, ohne dass das dahinterliegende Unternehmen damit Umsätze generiert, andererseits weil die Ladepunkte nicht zuverlässig verfügbar sind.

Szenenwechsel zum brandneuen Edeka in Wolfsburg-Tiergartenbreite: Dort wurden 10 AC-Ladepunkte mit einer Leistung von jeweils 22 kW installiert.

Selbst im vorweihnachtlichen Einkaufstrubel waren sie niemals alle belegt. AC-Anschlüsse bieten keinen großen Anreiz für Schnellladetouristen und bei zehn Ladepunkten fallen ein oder zwei ohnehin nicht besonders auf. Das war in 2020 wohl die einzige Neuinstallation einer für Kunden kostenlosen Ladeanlage durch ein Unternehmen in Wolfsburg, deswegen kann man das nicht positiv genug hervorheben.

Mein Lade-Neujahrswunsch: Mehr davon, bitte!

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Wer mehr lesen möchte: Hier sind alle Informationen zu meinem Buch über Elektromobilität „Das E-Dilemma und die Freude am Fahren“ zu finden.

Wie viele Ladesäulen hat Deutschland? Teil 3

Aus der Abteilung “Mehr statt Leer”

Mit der Anzahl der Ladesäulen in Deutschland hatte ich mich bereits im Juni 2020 beschäftigt und auch auf Goingelectric andiskutiert und zwischendurch aktualisiert.

Damals war ich optimistisch. Jetzt zu Jahresende können wir sehen, was erreicht werden konnte.

In den Daten vom 3.12.2020 (Datenauszug 37) der Bundesnetzagentur werden 33.249 Ladepunkte angegeben, das sind 1.137 (3,4 %) mehr als im Vormonat. Von Oktober auf November war der gemeldete Zuwachs nur schwache 454 Ladepunkte, es geht also wieder etwas schneller voran.

Vergleichen wir diese Zahlen nun wieder mit dem Masterplan der Bundesregierung, der 50.000 öffentliche Ladepunkte bis Ende 2021 vorsieht.

Das Ergebnis: Der Trend ist eindeutig positiv, liegt aber ca. 10 % unter Plan. Während der Corona-Zeiten ist der Ausbau nicht signifikant zurückgegangen, das ist eindeutig positiv. Etwas mehr Anstrengung ist allerdings noch erforderlich. Ebenfalls zu bedenken: Im Jahr 2022 sollen laut Masterplan noch zusätzliche 100.000 Ladepunkte entstehen – das ist kein Schreibfehler, es sollen tatsächlich innerhalb eines Jahres einhunderttausend mehr werden! Und weitere 100.000 in jedem Folgejahr, bis 2030. Das erscheint nach einem geplanten Zuwachs von etwa 15.000 Ladepunkten im Jahr 2021 als völlig unrealistisch, denn eine Steigerung um beinahe das Siebenfache ist undenkbar.

Ist das der Grund für die recht hastig auf den Markt geworfene Förderung für private Ladepunkte?

Mit den derzeitigen Wachstumsraten bei den Zulassungszahlen von E-Autos wird die Ladeinfrastruktur zunehmend und spürbar zum Flaschenhals, der durch die Schnellladefähigkeit der neuen Modellgenerationen nur wenig entschärft wird.

Wie ist die Entwicklung in Wolfsburg? Von den dort gemeldeten 437 Ladepunkten werden 340 Stück von der VW Kraftwerk GmbH betrieben und sind in den Parkhäusern der Volkswagen AG installiert. Damit stehen sie für die allgemeine Öffentlichkeit nicht ernsthaft zur Verfügung. Aber für den Rest der Welt hat sich die Anzahl der Ladepunkte immerhin von 36 auf 97 fast verdreifacht, insbesondere dank der 55 neuen Ladepunkte in der renovierten Rathausgarage.

Nahezu unverändert schwach ist das Angebot von einfachen AC-Ladern, die von Hybriden oder auch mal über Nacht genutzt werden könnten. Diese Fahrzeuge findet man zunehmend als Langzeitparker im Umfeld der flexiblen Ladesäulen. Freundlicherweise stehen die meisten dann so, dass sie die CCS-Anschlüsse nicht blockieren, aber es gibt leider auch Ausnahmen.

Ein weiteres Problem: Mit dem Ende von Alpiq am 31.12.2020 wird es mit eCharge nur noch einen einzigen Tarif geben, um in der Bahnhofsgarage am Hauptbahnhof ohne Zeitkosten laden zu können. Ich hoffe, er bleibt uns erhalten, sonst wäre elektrisches Park & Ride mit der DB vollkommen gestorben.

Die Ladeszene ist also weiterhin in erheblicher Bewegung und jedes Angebot kann monatlich verschwinden oder anders ausgestaltet sein. Das fördert zwar die geistige Beweglichkeit, ist aber der Verbreitung der E-Mobilität eher hinderlich – für echte Newcomer kann das schon ärgerlich sein.

Mein Lade-Weihnachtswunsch: Mehr Stabilität auf Anbieterseite und Aufholen des Rückstands bei den Ladesäulen!

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