Wien über Tschechien elektrisch – Teil 1

Vor kurzem wollte ich wieder Wien besuchen. Normalerweise nehme ich die etwas bequemere, aber längere Route über Nürnberg und Passau. Diesmal wollte ich Wien über Tschechien – oder genauer die Tschechische Republik – erreichen, also die deutlich kürzere Route nehmen.

Allerdings bin ich von Berlin gestartet, das verkürzte den Weg zusätzlich: 6:59 für 622 Kilometer gemäß ABRP, 6:39 laut Google Maps.

Der Tesla-Routenplaner plante zwei Supercharger für mich, in Losovice und Humpolec. Dort steht ein ziemlich früh errichteter Supercharger und zusätzlich eine eon-Ladestation mit fünf Ladesäulen. Humpolec hatte ich bereits vor vier Jahren besucht, damals mit dem Renault Zoe… also in der grauen Vorzeit der Elektromobilität 😉 Immerhin konnte ich bereits damals mit einer einzigen Akkuladung bis Wien durchfahren.

Doch zuerst nach Losovice! Abfahrt 7:41 und das Wetter war elektrofreundlich: 17 Grad und schwacher Wind von hinten oder im schlechtesten Fall von der Seite.

Elektrofreundliches Wetter von Wien nach Tschechien elektrisch

Die erste Etappe dauerte 2 Stunden und 45 Minuten für 272 Kilometer, der Verbrauch betrug 49 kWh insgesamt, bzw. 18,1 kWh pro 100 Kilometer. Die Durchschnittsgeschwindigkeit betrug knapp 98,9 km/h, das Ergebnis der Tempomateinstellung von 120 km/h.

Verbrauchswerte in Losovice

Der Supercharger Losovice ist interessant, weil er eigentlich in einem Dorf liegt. Nicht im Zentrum, aber doch im Dorf, am Rand der dortigen Mondelez-Fabrik.

Supercharger Losovice von Wien nach Tschechien elektrisch

Erfreulicherweise gab es dort auch AC-Anschlüsse, die tatsächlich kostenlos waren. Das stellte ich aber erst auf dem Rückweg fest, als ich genügend Zeit zum Ausprobieren hatte.

Kostenlose AC-Ladesäule am Supercharger Losovice

Es gab auch eine Art Tesla-Lounge, oder zumindest einen Zugang zu einem Gang mit zwei Toiletten und zwei Automaten. Skandalöserweise dürfen da auch Kunden der neben dem Supercharger befindlichen Ionity-Lader hinein 😉

Zwei Stunden später ging es durch Prag. Das Navi hat sich für die Durchfahrung des Zentrum entschieden – eine schöne Strecke, aber durch Kopfsteinpflaster und dichten Verkehr ein wenig mühsam.

Nächster Stop in Humpolec, nach nur 165 Kilometern und einer Stunde und 49 Minuten. 31 kWh sind verbraucht, 18,8 kWh pro 100 Kilometer.

Supercharger und eon-Ladeplätze in Humpolec

Humpolec präsentiert sich vollkommen unverändert: Der Supercharger, die eon-Lader, die Tankstelle, die Sitzgruppe vor der Tankstelle. Das hat tatsächlich etwas Vertrautes und der Supercharger funktioniert problemlos. Mit den eon-Ladesäulen für den Zoe hatte ich seinerzeit mehr Mühe gehabt…

Nach weiteren 96 Kilometern in 55 Minuten und 14 Kilowattstunden rief die Arbeit, trotz Urlaubstag. Es war ein geplanter Termin, also konnte ich mich an einer der Ladesäulen einer Autobahnraststätte einparken und gleichzeitig einige Kilowattstunden nachladen.

Dabei fällt auf, dass absolut jede Tankstelle entlang der Autobahn mit einem Triple-Charger ausgestattet ist, egal wie klein oder heruntergekommen sie sein mag. Hervorragend!

Schönes Wetter kurz nach Prag

Weitere 100 Kilometer weiter und 1 Stunde und 13 Minuten später konnte ich nicht umhin, einen biologischen Stopp einzulegen. Weitere 12 kWh (exakt 12,3 kWh auf 100 Kilometer) standen auf dem Zähler. In diesem Teilstück lag ein Stück Bundesstraße, was Verbrauch und Geschwindigkeit reduzierte. An der neuen Raststation Hochleithen war die Ladeausstattung recht großzügig: Vier Ionity-Säulen mit Fundamenten für weitere zwei, ein Triple-Charger und ein Doppel-AC-Lader.

Mein Ladestand war ohnehin noch bei 48 Prozent, schnelles Laden also überflüssig und AC-Laden reichte völlig.

Raststation Hochleithen nach Wien über Tschechien elektrisch

Die letzte Etappe nach Wien machte nur noch 47 Kilometer aus, dauerte 53 Minuten und verbrauchte 7 kWh bzw. 15,3 kWh pro 100 Kilometer.

Wie sieht die Statistik der gesamten Fahrt aus?

680 Kilometer, 113 Kilowattstunden insgesamt, 7 Stunden und 59 Minuten Fahrzeit. Dazu kommen allerdings noch 25 Minuten für den ersten Ladestopp und 35 Minuten für den zweiten, also eine zusätzliche Stunde und damit 9 Stunden gesamte Reisezeit. Der Verbrauchsdurchschnitt betrug sehr gute 16,6 kWh pro 100 Kilometer, nicht viel mehr als der WLTP-Verbrauch von 16,0 kWh.

Diese Zeit wäre jedoch mühelos zu unterbieten, wenn man an oder leicht über den Geschwindigkeitsbegrenzungen fährt. Doch dafür hatte ich es an diesem Tag schlichtweg nicht eilig genug!


Weitere Langstreckenerlebnisse

Marienthal

Dieser Eintrag hat überhaupt nichts mit Elektromobilität zu tun, es geht um ein gänzlich anderes Thema: Die Marienthal-Studie, die sich in diesen Tagen zum neunzigsten Mal jährt.

Der Sender DLF (Deutschlandfunk) hat anlässlich dessen einen Schwerpunkt diese Woche im Programm und auch in Bayern-2 gab es im Oktober 2021 eine Sendung zur Studie. Doch worum geht es überhaupt?

15 Kilometer vor Wien existierte in der kleinen Gemeinde Gramatneusiedl die Textilfabrik Marienthal, die Ende 1929 komplett geschlossen wurde. Nur wenige Mitarbeiter behielten ihren Arbeitsplatz, um die Fabrik teilweise abzureißen. Es gab keine neuen Arbeitsplätze, ein Großteil der Dorfbewohner wurde arbeitslos. Der Ort erlebte eine komplette Katastrophe.

Übersichtsbild der Textilfabrik Marienthal
Quelle: Marienthal-Museum

Eine Gruppe von Soziologinnen und Soziologen unter der Leitung von Maria Jahoda und Paul Lazarsfeld (mit Lotte Schenk-Danziger und Hans Zeisel) verbrachte drei Monate in der kleinen Gemeinde und schuf mit der Methode der Teilnehmenden Beobachtung die Studie „Die Arbeitslosen von Marienthal“. Sie wurde 1933 veröffentlicht und gehört noch heute zu den grundlegenden Werken der empirischen Soziologie. In der Abteilung Soziologie ist der Forschungsbericht in Buchform, ein recht schmaler Band, nach wie vor in universitätsnahen Buchläden vorrätig, weil die Studie in jedem Studium der Soziologie zur Sprache kommt.

Das Team hinter der Marienthalstudie
Quelle: Museum Marienthal

Das Studienergebnis in Kurzfassung: Arbeitslosigkeit führt nicht zur Revolution, sondern zur Resignation. Die Studienergebnisse haben bis heute erheblichen Einfluss auf die empirische Sozialforschung, die Sicht auf Arbeitslosigkeit und die Ausgestaltung der Arbeitslosenversicherung.

Jahoda und Lazarsfeld waren zum Zeitpunkt der Studie bereits einige Jahre miteinander verheiratet. Jahoda hatte als 19jährige ihren damaligen Lehrer geehelicht, aber ihren Geburtsnamen beibehalten. 1933 kam es zur Scheidung und Lazarsfeld ging in die USA, wo er auch bis zu seinem Tod lebte. In Wien erinnert die Lazarsfeldgasse an den geistigen Vater der Studie.

Maria Jahoda musste 1937 nach England emigrieren, später lebte sie in den USA und kehrte 1958 nach England zurück, wo sie 2001 verstarb. In Wien wurde die Marie-Jahoda-Gasse nach ihr benannt. Eine weitere Marie-Jahoda-Gasse gibt es in der steirischen Gemeinde Kapfenberg (hier gibt es nun doch eine Querverbindung zur Elektromobilität: in Kapfenberg gibt es einen sehr schön gelegenen Supercharger) und einen Marie-Jahoda-Platz findet man in Gramatneusiedl, dem Ort der Marienthalstudie.

Maria-Jahoda-Gasse in Wien
Quelle: Google Maps

In Gramatneusiedl selbst gibt es ein kleines Museum über die Marienthalstudie, das ich 2012 besucht habe. Von dort kann man dann in weniger als einer Stunde den Neusiedler See erreichen, den größten Steppensee Europas, das „Meer der Wiener“, größtenteils in Österreich gelegen, zu einem kleinen Teil auch in Ungarn.

Karte von Wien nach Ödenburg
Quelle: Google Maps

Doch die Studie wirkte auch über die Soziologie hinaus: Sie wurde 1988 als Spielfilm unter dem Titel Einstweilen wird es Mittag von ORF und ZDF verfilmt. Der Film ist absolut sehenswert und gibt einen fantastischen Einblick in die soziologische Arbeit der Studienautoren und das dörfliche Elend der Arbeitslosen. Auch in Form eines Theaterstücks („Der Marienthaler Dachs) wurde der Stoff verarbeitet.

Wer also Zeit und Interesse hat und zufällig in die Gegend kommt: Ein Abstecher in die nicht-so-ferne Geschichte der Soziologie lohnt sich!

Neusiedler See
Wenn die Ladesäule petzt

Wenn die Ladesäule petzt

Unlängst befand ich mich in Wien zu Besuch, natürlich elektrisch. Dort habe ich erlebt, wie es ist, wenn die Ladesäule petzt…

Der dortige Stromversorger Wien Energie hat mittlerweile knapp 500 AC-Ladesäulen mit zwei 11 kW-Anschlüssen über das gesamte Stadtgebiet verteilt, die jeweils mit zwei Parkplätzen kombiniert sind. Die Regeln sind bestechend einfach: Tagsüber darf nur während des Ladenvorgangs ohne jede Zeitbegrenzung dort geparkt werden, zwischen 22 und 8 Uhr ist das Parken aber für jeden erlaubt.

Tesla Model 3 in Wien an einer Wien-Energie-Ladesäule

Übrigens reicht den Österreichern ein simpler und kostengünstiger QR-Code-Aufkleber, um eine diskriminierungsfreie Bezahlmöglichkeit („Direct Payment“) zu realisieren. Die Autoren der teuren deutschen Ladesäulenverordnung könnten sich daran ein Beispiel nehmen.

Aber ich schweife ab…

Für Autos mit größeren Batterien ist diese Parkregelung wesentlich praxisgerechter, als eine fixe Grenze von 2, 3 oder 4 Stunden, die man in deutschen Städten häufig vorfindet, aber für aktuelle Batteriegrößen niemals ausreicht.

Doch nun stellt sich die Frage, wie ein überwachendes Organ feststellen kann, ob ein parkendes Auto nun lädt oder nur das Kabel angesteckt wurde.

Über dieses Problem wurde bei Wien Energie intensiv nachgedacht und die Lösung ist bestechend einfach: Die Ladesäule bemerkt natürlich, dass ein Kabel angesteckt wurde. Wenn der Ladevorgang nicht gestartet wird bzw. der Ladevorgang geendet hat, geht innerhalb von etwa 30 Minuten ein rotes LED-Lichtband an der Oberseite der Ladesäule an. Es verbirgt sich in der dunklen Schattenlinie an der Oberseite der Säule (siehe Bild). Mein Sohn hat es prompt “Snitch Light” getauft…

Lichtband an der Oberseite der Ladesäule

Damit ist schon von weitem klar, dass trotz angesteckten Kabels ein Parkraumvergehen vorliegt. Welcher der beiden Anschlüsse betroffen ist, lässt sich an der LED-Farbe an der Dose ablesen. Der Parkplatz hat dann 36 Euro gekostet, die in Form einer Anzeige eingehoben werden. Wie in jeder Stadt ist die Parkraumüberwachung auch in Wien ein Gewinnbringer – man kann also ziemlich sicher sein, wenn die Ladesäule petzt, dann kostet es.

So billig wie in Deutschland ist falsches Parken in Österreich nun einmal nicht. Und obwohl in Wien bekanntlich der Balkan beginnt, sind die E-Ladeplätze tagsüber auch in den undiszipliniertesten Parkgegenden immer frei bzw. ausschließlich zweckdienlich genutzt.

Einfache Lösungen, die wenig kosten und den Zweck erfüllen – das bringt die Elektromobilität nach vorne!