Laden in der Nacht

Laden in der Nacht

Im März 2022 gab es auf Goingelectric.de eine Diskussion, die sich immerhin über 122 Beiträge erstreckte. Die diskutierte These: Durch koordiniertes Laden in der Nacht, beispielsweise ab 23:00, könnten Elektromobilisten einen günstigen Strompreis abgreifen oder sogar den Strompreis beeinflussen.

Finanziell sinnvoll ist das derzeit nur dann, wenn man über einen zeitvariablen Stromtarif verfügt. Das trifft vermutlich nur auf die wenigsten zu.

Der Sinn des Vorschlags war mit nicht ersichtlich und ich habe genau für das Gegenteil argumentiert:

1. Wenn die Sonne scheint, gibt es von ca. 9-16 Uhr ein Produktionsmaximum von Solarenergie und mit dem Ausbau der PV wird dieser Peak immer höher – ideale Ladezeit und dann könnte man auch die 70 %-Abregelung endlich einstampfen.

2. Wenn der Wind in der Nacht ordentlich weht, ist ein Energieüberschuss sehr wahrscheinlich – ideale Ladezeit.

Nach einer neuen Studie der Universität Stanford stellt sich heraus: Laden in der Nacht ist tatsächlich keine gute Idee. Im Ausblick auf die erwartete Dichte von E-Autos wurde simuliert, wie sich das Ladeverhalten auf das Stromnetz auswirkt.

Traditionell ist der Strompreis in der Nacht geringer, was sich in Nachtstromtarifen niedergeschlagen hat. Damit wurde ein Anreiz geschaffen, in der Nacht Strom zu verbrauchen.

Das alles war aber vor dem Aufkommen von Solar- und Windkraft. Beide Energiequellen verlegen die Erzeugungsspitze in die Mitte des Tages, sogar an einem eher verregneten Spätseptembertag wie heute.

Um teure Netzerweiterungen zu vermeiden, sollte das Ladeverhalten mit steigender Anzahl von E-Fahrzeugen an die Energieerzeugung angepasst werden. Das Laden über Nacht zu Hause stellte sich dabei als die schlechteste Variante heraus.

Tagsüber zu laden wird mit dem steigenden Stromangebot aus solarer Erzeugung also immer wichtiger, was sich zunehmend in den Ausbauplänen für die Ladeinfrastruktur niederschlagen sollte.

Wer im Home Office arbeitet, kann sein Ladeverhalten an der privaten Wallbox leicht umstellen. Für alle anderen wird der Ausbau der Ladeinfrastruktur am Arbeitsplatz jedoch immer wichtiger werden.

Damit kann der Verbrauch besser mit der Erzeugung zusammenkommen und der tagsüber erzeugte Strom muss nicht abgeregelt oder billig exportiert werden!

Wie viele Ladesäulen hat Deutschland? Teil 8

Wie viele Ladesäulen hat Deutschland? Teil 8

Bisherige Folgen:

Das erste Quartal des Jahres ist vorbei und die neue Ladesäulenliste der Bundesnetzagentur, datiert mit 1. April 2022, wurde veröffentlicht. Kein Aprilscherz!

Es gab im ersten Quartal 2022 einen durchaus nennenswerten Zuwachs von 5.855 Ladepunkten in Deutschland. Nach einem starken Januar (plus 2.741 Stück) und einem schwachen Februar (nur 995 zusätzliche Ladepunkte) konnte im März wieder aufgeholt werden (2.119 neue Ladepunkte).

Ladesäulenstatistik Q1 2022

Die AC-Ladepunkte nahmen um 11,6 Prozent zu, die DC-Ladepunkte um 12,6 Prozent. Der Ausbau der schnellen bzw. ultraschnellen Lademöglichkeiten ist derzeit recht gut unterwegs.

Bei so vielen positiven Beobachtungen gibt es aber auch eine Schattenseite: Gegenüber dem Masterplan Ladeinfrastruktur der Bundesregierung soll der Ausbaustand zu Jahresende 2022 100.000 Ladepunkte erreichen. Das hätte einen Zuwachs von 12.500 Ladepunkten im ersten Quartal 2022 erfordert, geschafft haben wir jedoch nur 5.855 Stück. Für das Ziel fehlen somit bereits mehr als 6.600 Ladepunkte, der Ausbau hätte mehr als doppelt so schnell erfolgen müssen.

Noch hat Tesla seine Ladesäulen für Fremdkunden in Deutschland nicht geöffnet, sie finden sich daher nicht in der Statistik. Mehr als 1.500 Ladepunkte wären damit ohnehin nicht gewonnen.

Natürlich ist es möglich, Ladepunkte bei der Bundesnetzagentur zu melden und der Veröffentlichung im Ladesäulenregister zu widersprechen. Nachdem ein Ladepunkt aber von E-AutonutzerInnen auch gefunden werden soll, kann das nicht für besonders viele Ladepunkte der Fall sein.

Wie man es dreht und wendet: Der Ausbau geht zu langsam und diese Tatsache wird bereits von einigen Marktteilnehmern genutzt, um die weitere Förderung von Plug-In-Hybriden zu fordern, obwohl Hybridautos vielfach zu einer Verschlechterung der Klimabilanz führen.

Andererseits: Die mehr als 620.000 KfW-Förderanträge für private Wallboxen sind noch nicht abgearbeitet und werden definitiv zu einer laufenden Entlastung der öffentlichen Ladeinfrastruktur beitragen. Dieser Effekt wird in den Vorhersagen über den Bedarf an Ladeinfrastruktur noch zu wenig berücksichtigt.

Zusätzlich drängen die steigenden Stromkosten an öffentlichen Lademöglichkeiten viele Kunden zum Laden zu Hause, weil der Hausstromtarif fast immer günstiger ist oder der Strom kostenlos vom Dach kommen kann.

Von den tausenden vorgesehenen Ladepunkten des Deutschlandnetzes wurde auch noch kein einziger Ladepunkt errichtet, während andere Anbieter ordentlich auf die Tube drücken und Elektroautos aufgrund der Liefersituation derzeit immer langsamer in Betrieb kommen.

Für das Ausrufen einer Ladekrise ist es also deutlich zu früh!


Bisherige Folgen:

Baufeld Supercharger Wolfsburg in Lehre

Neues vom Supercharger Wolfsburg

Endlich hat der Bau tatsächlich begonnen: Der Supercharger Wolfsburg wird Realität.

Auch bei goingelectric.de ist er bereits als „Autohof Lehre“ eingetragen, obwohl er bei Tesla als „Supercharger Wolfsburg“ bezeichnet wird.

30 Ladepunkte in V3 mit 250 kW Spitzenleistung sollen es werden, damit wäre es einer der größten Supercharger-Installationen in Deutschland. Das wären bei Vollauslastung insgesamt 7,5 Megawatt, also Millionen Watt.

Das klingt nach sehr viel, ist es aber im Grunde nicht: Lediglich zwei Lokomotiven der Deutschen Bahn ziehen bei Vollauslastung annähernd ähnlich viel Leistung aus dem Fahrdraht. Im Bestand der DB für Personen- und Güterverkehr sind übrigens 2.830 E-Loks (Stand 2020).

Außerdem ist es extrem unwahrscheinlich, dass alle Ladepunkte exakt in Volllast laufen. Dafür sind die Ladekurven der Tesla-Modell zu wenig konstant. Ab einer gewissen Maximalbelastung des gesamten Standorts wird möglicherweise auch die Spitze abgeregelt. Die Kunden würden davon ohnehin nichts bemerken.

Baufeld Tesla-Supercharger Lehre

Das Baufeld befindet sich direkt hinter dem derzeitigen Triple-Charger links von der großen Shell-Tankstelle. Nach wie vor wird die Verfügbarkeit des Superchargers von Tesla für Q3 2021 angekündigt. Das wird sportlich, das dritte Quartal endet bereits in 18 Tagen.

Macht nichts. Wenn dieser Supercharger in Q4 fertiggestellt wird, ist das auch vollkommen in Ordnung und wird die Ladeinfrastruktur in Braunschweig und Umgebung deutlich vorwärts bringen – derzeit nur für Fahrzeuge von Tesla allerdings.

Übrigens: Die neben dem Burger King bereits aufgebauten Fundamente dürften zumindest eine einzige Schnelladesäule werden. Burger King plant 1.000 Ladestationen in Deutschland, die auch Dächer erhalten. Das erklärt die unterschiedlich großen Fundamente.

Mehr Auswahl ist jedenfalls eine gute Sache!


Alle Posts zum Supercharger Wolfsburg:

Wie viele Ladesäulen hat Deutschland? Teil 3

Vorgeschichte

Mit der Anzahl der Ladesäulen in Deutschland hatte ich mich bereits im Juni 2020 beschäftigt und auch auf Goingelectric andiskutiert und zwischendurch in Teil 2 aktualisiert.

Damals war ich optimistisch. Jetzt zu Jahresende können wir sehen, was erreicht wurde.

Aktuelle Daten

In den Daten vom 3.12.2020 (Datenauszug 37) der Bundesnetzagentur werden 33.249 Ladepunkte angegeben, das sind 1.137 (3,4 %) mehr als im Vormonat. Von Oktober auf November war der gemeldete Zuwachs nur schwache 454 Ladepunkte, der Ausbau geht jetzt zu Jahresende wieder etwas schneller voran.

Vergleichen wir diese Zahlen nun wieder mit dem Masterplan der Bundesregierung. Darin waren 50.000 öffentliche Ladepunkte bis Ende 2021 vorgesehen.

Grafik Entwicklung der Ladesäulen und Ladepunkte in Deutschland 2020
Entwicklung der Ladesäulen und Ladepunkte in 2020

Das Ergebnis: Der Trend ist eindeutig positiv, liegt aber ca. 10 % unter Plan. Während der Corona-Zeiten ist der Ausbau nicht signifikant zurückgegangen, das ist eindeutig positiv. Etwas mehr Anstrengung ist allerdings noch erforderlich! Ebenfalls zu bedenken: Im Jahr 2022 sollen laut Masterplan noch zusätzliche 100.000 Ladepunkte entstehen. Das ist kein Schreibfehler, tatsächlich enthält der Plan einhunderttausend mehr Ladepunkte innerhalb eines Jahres! Und weitere 100.000 in jedem Folgejahr, bis 2030. Das erscheint nach einem geplanten Zuwachs von etwa 15.000 Ladepunkten im Jahr 2021 als völlig unrealistisch. Eine Steigerung um beinahe das Siebenfache ist praktisch unmöglich.

Ist das der Grund für die recht hastig auf den Markt geworfene Förderung für private Ladepunkte?

Mit den derzeitigen Wachstumsraten bei den Zulassungszahlen von E-Autos wird die Ladeinfrastruktur zunehmend und spürbar zum Flaschenhals, der durch die Schnellladefähigkeit der neuen Modellgenerationen nur wenig entschärft wird.

Entwicklung in Wolfsburg

Von den in Wolfsburg gemeldeten 437 Ladepunkten werden 340 Stück von der VW Kraftwerk GmbH betrieben und sind in den Parkhäusern der Volkswagen AG installiert. Damit stehen sie für die allgemeine Öffentlichkeit nicht ernsthaft zur Verfügung. Aber für den Rest der Welt hat sich die Anzahl der Ladepunkte immerhin von 36 auf 97 fast verdreifacht, dank der 55 neuen Ladepunkte in der renovierten Rathausgarage.

Nahezu unverändert schwach ist das Angebot von einfachen AC-Ladern, die von Hybriden oder auch mal über Nacht genutzt werden könnten. Diese Fahrzeuge findet man zunehmend als Langzeitparker im Umfeld der flexiblen Ladesäulen. Freundlicherweise stehen die meisten dann so, dass sie die CCS-Anschlüsse nicht blockieren, aber es gibt leider auch Ausnahmen.

Ein weiteres Problem: Mit dem Ende von Alpiq am 31.12.2020 bietet nur noch eCharge einen Tarif ohne Zeitkomponente an, um in der Bahnhofsgarage am Hauptbahnhof über längere Zeit laden zu können. Ich hoffe, er bleibt uns erhalten, sonst wäre elektrisches Park & Ride mit der DB vollkommen gestorben.

Die Ladeszene ist also weiterhin in erheblicher Bewegung und jedes Angebot kann monatlich verschwinden oder anders ausgestaltet sein. Das fördert zwar die geistige Beweglichkeit, ist aber der Verbreitung der E-Mobilität eher hinderlich. Für echte Newcomer kann das schon ärgerlich sein.

Mein Lade-Weihnachtswunsch: Mehr Stabilität auf Anbieterseite und Aufholen des Rückstands bei den Ladesäulen!

——————-

Wer mehr lesen möchte: „Das E-Dilemma und die Freude am Fahren

Wie viele Ladesäulen hat Deutschland? Teil 2

Aus der Abteilung Wiedergänger

Mit der Anzahl der Ladesäulen in Deutschland hatte ich mich bereits im Juni 2020 beschäftigt und auch auf Goingelectric andiskutiert.

Eine abschließende Erkenntnis gab es nicht, aber vom User GrillSgt gab es den Hinweis, die Daten der Bundesnetzagentur als Autorität heranzuziehen. Dazu kann man Einwände aller Arten vorbringen, aber immerhin, es ist eine amtlich erhobene Zahl, die jeder von der Internet-Präsenz der Bundesnetzagentur herunterladen kann. Man muss auch keine großen Interpretationen vornehmen, sondern kann einfach die Summe der Ladepunkte berechnen.

Also gut: Challenge accepted! Am 15. Juli 2020 wurde die neueste Statistik veröffentlicht.

In den Daten vom 5.5.2020 (Datenauszug 31) fanden sich 26.499 Ladepunkte aller Arten. Im Datenauszug 32 vom 15.7.2020 gab es deren 28.835, also 2.336 mehr Ladepunkte innerhalb von 71 Tagen (ein Plus von 32,9 Ladepunkten pro Tag).

Die gesamte (nominelle) Ladeleistung hat von 763,8 MW auf 845,5 MW (plus 82 MW bzw. 10,9 %) deutlich zugelegt, wobei diese Werte mit Vorsicht zu genießen sind: Die volle Gleichzeitigkeit ist nicht immer gegeben. Bestes Beispiel ist der häufig anzutreffende Triple-Charger: Die Anschlüsse CCS und Chademo schließen einander aus, was aber aus der Liste der Bundesnetzagentur nicht hervorgeht.

Die Anzahl der öffentlichen DC-Ladepunkte ist nur um schwache 28 Stück gestiegen.

Dennoch: Es gibt Fortschritt!

Vergleichen wir diese Zahlen aber auch mit dem Masterplan der Bundesregierung. Zur Erinnerung: Dieser Plan sah 50.000 öffentliche Ladepunkte bis Ende 2021 vor. Die folgende Grafik enthält dieselben Daten, ist aber um die Extrapolationsgerade erweitert.

Man kann bereits mit dem freien Auge feststellen: Die Entwicklung der Ladeinfrastruktur liegt ziemlich exakt im Plan der Bundesregierung, Corona zum Trotz. Das muss man positiv anerkennen!

Der weiteren Verbreitung von E-Autos steht also nichts im Wege! Ich werde den Trend natürlich weiter verfolgen.


Wer mehr lesen möchte: Hier sind alle Informationen zu meinem Buch über Elektromobilität „Das E-Dilemma und die Freude am Fahren“ zu finden.


Ein Verweis zu diesem Text findet sich auch auf dem Blog der Wolfsburger E-Mobilisten.