Benzin aus Luft

Wer dachte, dass sich die Verbrennerwelt bei Innovationen völlig abgemeldet hat, wird dieser Tage eines Besseren belehrt. Eine Schlagzeile, die nach Magie klingt, schafft es zuverlässig in die Tech- und Auto-Feeds: „Benzin aus Luft“. Die Berichte verweisen auf eine Anlage der Firma Aircela, die Kohlendioxid und Wasserdampf aus der Umgebungsluft zieht und daraus motorfähiges Benzin produzieren soll.

Die Prozesskette

Um Missverständnisse zu vermeiden: Es geht definitiv nicht um kostenlose Energie, denn das wird abseits von plumpem Internet-Betrug heute nicht mehr glaubwürdig. Die Prozesskette ist grundsätzlich plausibel: Der Wasserdampf wird gesammelt und per Elektrolyse in Wasserstoff aufgespalten. Mit dem aus der Luft abgeschiedenen CO2 kann durch die Fischer-Tropsch-Synthese Methanol hergestellt werden. Das wäre bereits ein brauchbarer Treibstoff, doch für die Verwendung als Benzin-Ersatz muss es nochmal durch den Mobil-Prozess umgewandelt werden.

Jeder einzelne Schritt existiert und kann als etabliertes Verfahren gelten.

Benzin aus Luft - wie ein Wunder

Nun kommen wir zu den etwas weniger plausiblen Informationen. Aircela gibt an, diese gesamte Prozesskette so weit verkleinert zu haben, dass sie in der heimischen Garage unterkommen kann.

Der Energiebedarf

Mit ausreichend Strom aus erneuerbarer Erzeugung könnte man das eigene Auto also so bequem zu Hause nachtanken, wie wir es heute vom Elektroauto gewohnt sind. Sogar die Zapfpistole ist integriert!

Doch wie immer steckt der Teufel in den Zahlen.

Erstens kann die vorgestellte Anlage nur knapp vier Liter Sprit (eine Gallone) pro Tag herstellen.

Zweitens ist der Preis noch unbekannt, es wird aber Hoffnung auf 15.000-20.000 US-Dollar in Massenproduktion gemacht.

Drittens ist der Energieaufwand erheblich: 75 kWh pro Gallone (knapp 20 kWh pro Liter). Doch wenn man den Energieinhalt von Benzin von etwa 9 kWh pro Liter berücksichtigt, läge der Wirkungsgrad bei sagenhaften 45 Prozent. Aircela selbst strebt sogar mehr als 50 Prozent an.

Die bisher berichteten Wirkungsgrade dieser Prozesskette liegen jedoch nur im Bereich von 10 bis 35 Prozent. Das ist auch nicht überraschend, da beispielsweise der Mobil-Prozess eine Reaktionstemperatur von 400 Grad erfordert.

Die Kosten pro Liter sollen nach Angaben des Herstellers bei 40 US-Cent liegen, allerdings nur unter der Annahme von nahezu kostenlosem Strom. Das Benzin aus Gas- oder Kohlestrom zu erzeugen, wäre naturgemäß extrem unklug.

Aber der Gerätepreis

Nehmen wir an, das Gerät hält 10 Jahre und produziert brav eine Gallone Benzin pro Tag. Das Ergebnis wäre – je nach Lage der Schaltjahre – etwa 3.650 Gallonen (13.822 Liter) Benzin.

Benzin aus Luft von Aircela
Quelle: Aircelahttps://www.aircela.com/

Wenn das Gerät für 20.000 US-Dollar tatsächlich durchhält, keine Wartungskosten verursacht und mit kostenlosem Strom betrieben wird, dann liegen die Kosten pro Liter immer noch bei 1,45 US-Dollar je Liter.

Von billig oder gar gratis ist dieser Sprit weit entfernt. Natürlich spart man die Transportkosten fürs Benzin, was die Umweltbelastung deutlich senkt. Und einige werden die Zapfsäule in der eigenen Garage in jedem Fall schick finden.

Ein Markt ist somit durchaus denkbar.

Und wieder: Warteliste

„Join the Waitlist“ & „coming to select U.S. markets in 2026“.

Kennen wir das nicht schon? Möglicherweise wird hier die Tradition von Sono, Verge, XBus und einigen anderen weitergeführt.

Die Technologie ist zwar grundsätzlich existent und plausibel, die Miniaturisierung und der Wirkungsgrad aber nicht so wirklich.

Wirtschaftlich ist der Zielpreis ein großes Fragezeichen, und auch ökonomisch liegt der Nutzen nicht auf der Hand, denn billiges Benzin aus Luft wird keinesfalls produziert.

Das Konzept wirkt also wie ein Einfall von Marketing-Magie, und davon hat die Energiewelt eigentlich schon genug. Die Wunderbatterie benötigt keine Konkurrenz 😉


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