Ladepark Hilden im ID.3

Ladepark Hilden im ID.3

Wie es begann

Für uns ist das die Standard-Tour mit jedem Elektroauto. Also auch mit dem ID.3: Die Fahrt zum Ladepark Hilden steht an!

Andere Fahrten nach Hilden zum Nachlesen:
Hilden mit dem Tesla Model 3
Hilden mit dem Renault Zoe

Nun hatte Oliver überraschend seinen ID.3 bekommen: Nachdem sein Autohändler den Liefertermin im ersten Quartal 2021 angegeben hatte, kam vier Tage nach dieser Information die Nachricht, das Auto wäre bereits zur Anmeldung angeliefert worden. Das bedeutet, dass das Fahrzeug mindestens zwei Wochen vorher gefertigt worden sein musste.

ID.3 von Musicus am Ladepark Hilden

Der logistische Durchblick ist also durchaus verbesserbar, Autos fallen ja nicht zufällig vom Band! Allerspätestens bei Produktionsbeginn sollte es auch bei Volkswagen klar sein, dass das Auto nicht erst nächstes Jahr geliefert wird. Dem Kunden wird mit derart großen Unsicherheiten schon einiges zugemutet.

Egal, schnell war der Plan klar: Es musste wieder die Fahrt zum Ladepark Hilden werden, Folge drei! Die Strategie: Hinfahrt mit etwa 90 km/h ohne Ladestopp und mit Windschatten, Rückfahrt mit 130 km/h und einer kurzen Zwischenladung.

Beide Richtungen waren allerdings mit einer Autobahnsperre bei Lehrte belastet, die jeweils etwa 20 km Umweg bedeutete und den Geschwindigkeitsschnitt drückte. Insofern sind die Ergebnisse nur bedingt mit Zoe und Model 3 vergleichbar. Aber so ist das reale Leben auf der Langstrecke eben!

Wir rollen los

Mit Kilometerstand 419 starteten wir um 7:20 bei der E-Mobility-Station, wie es die Tradition vorsieht. Trotz Mitte November waren die Wetterverhältnisse nahezu gleich wie bei den beiden anderen Fahrten: 10 Grad und leicht feucht beim Losfahren, angenehm warm (19 Grad!) und trocken gegen die Mittagszeit. Wir rollten auf 19 Zoll-Ganzjahresreifen im Eco-Modus los.

Abfahrt an der E-Mobility-Station in Wolfsburg

Der ID.3 ist ein leises, angenehmes und zurückhaltendes Auto, dessen Assistenzsystem im Hintergrund bleiben, im Gegensatz zu den Assistenten von Tesla, da muss man gelegentlich schon beinahe kämpfen. Der Zoe hat nur einen konstanten Geschwindigkeitstempomaten, da gibt es wenig zu vergleichen.

Die Strecke war laut Navi 385 Kilometer und das Auto zeigte bei 100 % Ladestand eine Reichweite von 343 Kilometern an, wir starteten also tief im Minus. Die Fahrtstrecke war jedoch viel zu hoch berechnet, wir ignorierten einige Umleitungsvorschläge bei Staus, die wir dann auch nicht antrafen.

Ich war entspannt, Oliver etwas weniger. Nach 15 Minuten stieg die Spannung bei uns beiden kurz an, denn die erste Fehlermeldung kam hoch: „Störung Scheibenwischer“, und das bei beginnendem Nieseln. Es schien dann doch nur der Regensensor gewesen zu sein, die Wischer kamen ihrer Aufgabe problemlos nach.

ID.3 Scheibenwischer

Bei 20 % Ladestand gab das Auto die erste Ladewarnung aus, da hatten wir noch über 90 Kilometer Reichweite und nur noch 35 km Reststrecke. Also erreichten wir Hilden ohne weitere Überraschungen und mit einer Fahrzeit von 4:18, da waren noch 13 % bzw. 74 Kilometer im Akku. Bei Olivers Zoe Q210 ist das die Reichweite bei fast voller Batterie, so ändern sich die Zeiten…

Der ID.3 zeigt ärgerlicherweise keinen Energieverbrauch an, wir mussten aus dem (sehr guten!) Durchschnittswert von 14,3 kWh pro 100 km zurückrechnen und kamen auf einen absoluten Verbrauch von 49,8 kWh.

Verbrauchsdaten Wolfsburg-Hilden im ID.3

Die Katalogwerte des ID.3 Pro sind übrigens 13,4 kWh/100 km nach NEFZ und 15,4 kWh/100 km bzw. 426 km Reichweite nach WLTP. Wie bei 58 kWh Kapazität und einem Durchschnittsverbrauch von 15,4 kWh eine Reichweite von 426 km herauskommt und nicht 58 / 15,4 = 377 km ist ein kleines Wochenendrätsel.

Der Entladehub von rund 87 % ergab etwa 57,1 kWh entnehmbare Energie, mit Ungenauigkeiten und Rundungseffekten nahe genug an den 58 kWh aus dem Prospekt.

In Hilden konnten wir uns zwischen dem Fastned-CCS-Lader oder mindestens fünf Stunden am AC-Anschluss entscheiden. Fastned machte das Rennen und obwohl der ID.3 eine Ladezeit von 1:24 angab, war er nach 1:02 und 51 Sekunden wieder bei 100 % angekommen.

Ladevorgang ID.3 in Hilden

Die Ladesäule meldete 53,32 kWh geladene Energie, mit denen wir die verbrauchten 49,8 kWh ersetzt hatten. Das ergab 6,5 % Ladeverlust im Auto selbst, ein guter Wert. In der Ladesäule kamen nochmals 5 % Verlust dazu, die wir zum Glück nicht bezahlen mussten.

Seed & Greet war geöffnet, die Sitzgelegenheiten waren jedoch abgesperrt. Dank guten Wetters konnten wir draußen Kaffee und Kuchen genießen, wir hatten uns diesmal nur einen kurzen Stopp vorgenommen. Trotz aller Lockdowns waren wieder einige Stammgäste an den Ladesäulen aufzufinden. Auch Nino vom DanzeiBlog durfte nicht fehlen. Ein weiterer Youtuber hatte seine Freundin als Kameraperson mitgebracht und schien bereits nach nur drei Takes vor einem Model 3 zufrieden zu sein. Mit einem VW waren wir zwischen den vielen Teslas und Zoes eher der Exot des Tages, die WeCharge-Karte funktionierte bei Fastned nämlich nicht. Der Fahrer des neben dem ID.3 ladenden Porsche Taycan wirkte etwas verhärmt, weil sich das Interesse der Anwesenden praktisch ausschließlich auf den ID.3 konzentrierte…

Wir rollen zurück

Wir begaben uns bereits um 12:58 auf die Rückfahrt, das Auto zeigte 404 Kilometer Reichweite an. Die Rückfahrt sollte aber nach Möglichkeit mit 130 km/h erfolgen und damit war ein rasches Absinken der Reichweite zu erwarten.

Der Akku des ID.3 ist voll: 404 Kilometer Reichweite

Im ersten Tunnel passierte es dann: Die Außenbeleuchtung meldete einen Ausfall. In der Detailansicht wurde der rechte hintere Blinker als defekt gemeldet. Oliver kannte das bereits von der Probefahrt und war nicht weiter beunruhigt.

Für die Zwischenladung hatten wir uns die Raststation Ahlsfeld vorgenommen, an der wir aber dank einer Baustelle und unserer spontanen Begeisterung über die ersten 1000 Kilometer des ID.3 vorbeirauschten 😲.

Die Restreichweite hätte uns noch bis weit nach Hannover gebracht, der Puls blieb also niedrig. Nach kurzer Suche in mehreren Apps entschieden wir uns für eine Lademöglichkeit in Garbsen, direkt vor einem leider geschlossenen Restaurant. Dort standen vier Schnellladesäulen mit CCS und CHAdeMO bereit, alle vier überraschenderweise kostenlos. So kam es, dass wir statt der geplanten 12 Minuten dann doch für 35 Minuten pausierten. Vielleicht lag es aber auch an den Gesprächen, die wir mit den Eigentümern eines Peugeot e-208 und denen eines brandneuen Mazda MX-30 führten…

Angekommen!

Die restlichen 105 Kilometer blieben vollkommen frei von Überraschungen und um 17:35 erreichten wir wieder Wolfsburg. Eigentümlich war allerdings, dass wir bei Addition der Teilstrecken auf 713 Gesamtkilometer kamen, das Auto aber auf 721 Kilometer. Optimierungspotenzial ist im Bordcomputer wohl noch vorhanden.

Verbrauchsdaten der gesamten Fahrt im ID.3

Die Wertung

Die eingerechnete Ladepause setzen wir auf die geplante Zeit, da waren wir uns einig. Dann bleiben noch diese drei Wertungsvarianten:

  • Schnelle Variante – beide Richtungen mit 130 km/h Zielgeschwindigkeit gerechnet: 7:56 h Fahrzeit plus 24 Minuten Ladezeit = 8:20 Gesamtzeit und 144 kWh Verbrauch.
  • Langsame Variante – beide Richtungen mit 90 km/h Zielgeschwindigkeit gerechnet: 8:36 Gesamtzeit und 99,6 kWh Verbrauch.
  • Die reale Fahrt: 8:16 Fahrzeit plus 12 Minuten Ladezeit = 8:28 Gesamtzeit und 121,8 kWh Verbrauch.

Die schnelle Variante ist um 16 Minuten schneller, benötigt aber fast 50 % mehr Energie. Das lohnt sich kaum, schafft aber Zeit für Toilettenpausen…

Und wie schlägt sich der ID.3 im Vergleich zu Zoe und Tesla Model 3?

FahrzeugRenault Zoe R90Tesla Model 3 LRID.3 real
Fahrzeit11:537:358:28
Energieverbrauch93 kWh133 kWh122 kWh

Zum Nachlesen:
Hilden mit dem Tesla Model 3
Hilden mit dem Renault Zoe

Auch in der schnellen Variante ist der ID.3 etwa eine Stunde langsamer als das Model 3, allerdings täuscht dieses Ergebnis: Ohne die Streckensperrung auf der Autobahn wäre der Unterschied viel kleiner ausgefallen, eher in Richtung 30 Minuten. Der Verbrauch ist durchaus ebenbürtig, da schaffen die Wärmepumpe und die innere Stoffabdeckung des Glasdachs einiges an Energieeinsparung.

Sollten wir das Experiment vielleicht der Genauigkeit wegen aber doch noch wiederholen müssen?

😉


12 Dinge, die Tesla von Renault lernen könnte

Alt, aber nicht veraltet

Nach etwas über 12.000 Kilometern mit dem Model 3 im täglichen Verkehr und auf Langstrecken bis 1000 Kilometer bietet sich ein Vergleich mit dem Zoe an, den wir auch weiterhin im Haushalt haben. Den Vergleich zwischen Model 3 und dem ID.3 gab es ja bereits.

Vergleiche sind generell schwierig und haben viel mit persönlichen Vorlieben zu tun. Objektive Autotests gibt es nicht und wozu auch? Ich bin selbst auch nicht objektiv. Man könnte auch mit anderen E-Autos vergleichen, aber mit dem Zoe habe ich mehrere Jahre verbracht und kann daher im Detail besser vergleichen. Und natürlich gibt es viele Dinge, die das Model 3 besser macht. Das erwartet aber ohnehin jeder Käufer des Autos und das muss nicht extra besprochen werden.

Leider wird Tesla diesen Vergleich vermutlich nicht ernst nehmen, in den USA ist Renault unbekannt und schwer auszusprechen („Rain-Oh“ ist nur eine Krücke und weit entfernt vom französischen Original…). Trotzdem bemerkt man bei einzelnen Bereichen, dass Renault jene jahrzehntelange Erfahrung im Autobau mitbringt, die gelegentlich doch zu besseren Lösungen führt.

Nun zur Sache, ohne weiteren Verzug. Die Liste ist keine Prioritätenreihung und sie ist auch nicht objektiv, siehe oben.

Nummer 1: Das Handschuhfach

Darüber ist bereits genug gelästert worden, deswegen hier in aller Kürze: Der Knopf zum Öffnen an der Klappe beim Zoe ist praktischer. Zusätzlich gibt’s ein offenes Fach oberhalb des Handschuhfachs, aus dem Dank der Rückhaltekante kaum etwas herausfällt, man aber schnell etwas hineinwerfen kann, ohne dass es irgendwo im Fußraum verschwindet.

Handschuhfach mit manueller Bedienung im Renault Zoe
Handschuhfach und Zusatzfach beim Zoe

Nummer 2: Die Bremse

Das Feeling beim Model 3 ist hölzern und die erforderlichen Pedalkräfte sind erstaunlich hoch. Man könnte fast glauben, dass Tesla das One Pedal Driving eingebaut hat, damit man möglichst wenig Kontakt zur Bremsanlage haben muss. Das allein wäre nicht schlimm, hat aber weitere Nachteile (siehe Nummer 3).

Der Zoe verfügt über eine kombinierte Bremse: Beim Betätigen des Bremspedals fährt er zuerst die Rekuperationsleistung hoch und nur wenn sie die angeforderte Verzögerung nicht mehr schafft wird die Reibungsbremse zugeschaltet. Diese Auslegung ist meiner Meinung nach das optimale System, denn es erfordert keine zusätzlichen Bedienungselemente und ist für jeden Benzinfahrer ohne Lernaufwand sofort verwendbar.

Tesla hat sich das Leben da wesentlich einfacher gemacht: Rekuperieren und Bremsen haben miteinander direkt nichts zu tun, die Reku kann stark oder schwach gewählt werden, Ende. Das ist eine erstaunlich unintelligente Lösung, hält aber immerhin die Softwerker von der Bremse fern und damit ist diese Systemauslegung einfacher zuzulassen. Gut für Tesla, weniger gut für mich als Kunden.

Nummer 3: Die Bremsenpflege

Eben weil die Rekuperation im Model 3 mit der One Pedal Driving-Einstellung so stark ist, wird dann die Bremse kaum benutzt und verrostet gerne, was zu teuren Folgeschäden führen kann. Die Tesla-Ultras empfehlen gelegentliches starkes Bremsen, um den Rost zu entfernen.

Das ist eine zweckdienliche Idee, aber eigentlich möchte ich mich bei einem vergleichsweise teuren Fahrzeug überhaupt nicht damit befassen müssen. Beim wesentlich billigeren Zoe ist die Bremsenpflege dank der kombinierten Bremse bereits eingebaut: Unter ca. 10 km/h schaltet der Zoe die Rekuperation aus und bremst die Restgeschwindigkeit rein mechanisch weg. Damit werden die Bremsen bei jeder Fahrt verwendet, aber der Umfang ist so gering, dass es für die Effizienz praktisch keine Rolle spielt.

Das Ergebnis sind blanke Scheiben vorne (hinten sind beim Zoe Trommelbremsen verbaut) und keinerlei Stress mit dem TÜV.

Verrostete Bremsscheibe am Tesla Model 3 (Björn Nyland)
So sieht das beim Tesla Model 3 von Bjørn Nyland aus (Das Bild stammt aus seinem Video Brake pad on Tesla Model 3 cracked after one year, mit freundlicher Genehmigung von Bjørn, vielen Dank!) Bei einer solchen Bremsscheibe wäre bei Ove Kröger der Herzinfarkt
vorprogrammiert.

Nummer 4: Die Rekuperation

Das Model 3 kann viel mehr Reku-Leistung aufbringen als der Zoe, das ist natürlich ein Vorteil. Aber sie steht nicht immer zur Verfügung und wird durch viele Umstände eingeschränkt. Akku zu voll? Akku zu kalt? Akku zu warm?

Immer dann wird die Rekuperation reduziert und das Auto benimmt sich anders. Was von Tesla möglicherweise auch als Beitrag zur geistigen Flexibilität gedacht war, ist im täglichen Fahrbetrieb nicht so angenehm. Vor allem, wenn das One Pedal Driving plötzlich nicht mehr wie erwartet funktioniert.

Mein Zoe bringt nach meiner Erfahrung nahezu immer die gleiche Reku-Leistung von maximal 42 kW, egal mit welchem Ladestand und bei welcher Temperatur. Nur wenn der Akku nach dem Abstecken des Ladekabels randvoll ist, spürt man beim Zoe eine leicht reduzierte Rekuperation. Der Effekt verfliegt jedoch nach den ersten Kilometern.

Klar gibt es bei vollem Akku keine große Rekuperationsleistung mehr, wenn man im Harz eine Viertelstunde bergab bremst. Diese Sonderfälle spielen für mich aber keine Rolle, weil ich im Flachland wohne. Für die Bergbewohner ist es sicher ein Vorteil, wenn sie beim Model 3 den maximalen Ladestand einstellen können. Das kann man beim Zoe leider nicht.

Update März 2021: Mit der Software 2021.1.14 hat Tesla das Verhalten deutlich verbessert. Vermutlich wird die Energie, die der Akku nicht aufnehmen kann, einfach in Heizungswärme umgesetzt. Das wäre jedenfalls eine schlaue Lösung!

Nummer 5: Die Klimaautomatik

Im Zoe kann man Temperatur- und Lüftungsautomatik betreiben und dabei die Klimaanlage zuschalten oder eben auch nicht. Natürlich ist die Lüftung ab einer gewissen Temperatur überfordert, um die Innentemperatur zu halten. Dann ist es eben Zeit, die Kühlungsfunktion zuzuschalten, doch bis dahin ist man sparsamer unterwegs.

Im Model 3 geht das so nicht. Wenn man die Kühlung (A/C) abstellt, läuft das System nur noch im manuellen Betrieb. Die Luftmenge wird nicht mehr automatisch reguliert. Das ist vielleicht eine Konzession an amerikanische Kunden, die ohnehin niemals eingreifen. Bei kühlen Temperaturen und ohne die Wärmepumpenfunktion im Model 3 (siehe Nummer 6) finde ich das aber nicht so gut.

Nummer 6: Die Wärmepumpe

Natürlich habe ich beim Kauf gewusst, dass das Model 3 keine Wärmepumpenfunktion hat. Dennoch ist das bedauerlich und Tesla bringt sie nun in einem Akt der späten Selbsterkenntnis im Model Y. Reichweite und Effizienz im Model 3 sind zum Glück sehr hoch. Deswegen hoffe ich, dass das Fehlen der Wärmepumpenfunktion in der kalten Jahreszeit nicht zu sehr reichweitennegativ sein wird.

Der Unterschied im Verbrauch ist zumindest beim Zoe definitiv nicht gering. Bis etwa zwei Grad benötigt die Heizung nur 600 Watt, um den Innenraum akzeptabel warm zu halten. Bei tieferen Temperaturen hingegen springt der kontinuierliche Heizungsverbrauch auf eine Größenordnung von 2.000 Watt. Er wird damit bei der Reichweite schon ein spürbarer Faktor. Klarerweise sprechen wir hier vom Halten der Temperatur, nicht vom Aufheizen.

Renault hat sich von Anfang an – wohl wegen der geringen Akkukapazität der ersten Zoes – für das Richtige entschieden. Alle Modellvarianten haben die die Wärmepumpenfunktion mitbekommen. Tesla (und nebenbei auch Volkswagen und BMW) könnte sich davon eine Scheibe abschneiden.

Update März 2021: Mittlerweile gibt es die Wärmepumpenfunktion auch im Model 3.

Nummer 7: Die Türbedienung

Beim Model 3 muss man Passagieren erst einmal erklären, wie sie ins Auto hinein und wie sie wieder herauskommen. Manche greifen in der Suche nach dem Türöffner zur mechanischen Notentriegelung an der Vordertür. Tesla rät jedoch von deren häufigem Gebrauch ab.

Beim Zoe funktioniert das generell besser. Nur gelegentlich muss man die Passagiere bei den etwas merkwürdigen Türgriffe an den hinteren Türen auch erst einschulen.

Türgriff Tesla Model 3

Nummer 8: Die Festhaltegriffe

Manche Menschen haben eine intensive Vorliebe für die Haltegriffe im Auto. Mit den Fahrleistungen des Model 3 kann dieses Bedürfnis nach Halt durchaus weiter steigen.

Es gibt sie im Tesla jedoch schlichtweg nicht.

Nummer 9: Die Navigation

Das TomTom des Zoe ist vielleicht nicht ganz auf der Höhe der Zeit. Es nervt mit unplausiblen Reichweitenwarnungen und völlig unrealistischen Berechnungen der Ankunftszeiten. Insgesamt funktioniert es aber akzeptabel gut und bietet gegenüber dem Navi des Model 3 einige erstaunliche Vorteile:

  • Beispielsweise eine Routenplanung mit mehreren Zielen.
  • Beispielsweise eine Radarwarnfunktion (kostet allerdings extra).
  • Beispielsweise eine Auswahlmöglichkeit unterschiedlicher Routenarten (schnell, kurz, Eco, ohne Autobahn).
  • Beispielsweise das Berechnen von alternativen Routen.
  • Beispielsweise das Vermeiden von Mautstraßen und damit die Information, dass es Maut auf der Strecke geben wird.
  • Beispielsweise die Eingabemöglichkeit für Straßensperren, die das Navi nicht kennt (und davon gibt es ausreichend viele).
  • Beispielsweise die Möglichkeit des Ausschließens einzelner Streckenabschnitte, z.B. von Straßen, die man aus irgendwelchen Gründen nicht befahren möchte.

Da ist für Tesla noch sehr deutlich Luft nach oben. Die Lücke ist dermaßen groß, dass sie mit Angeboten wie abetterrouteplanner.com gefüllt werden muss. Für den Zoe hat es das nicht gebraucht…

Navi von TomTom im Renault Zoe

Nummer 10: Die Ladebuchse

Mit dem Zoe fahre ich einfach zur Ladesäule, so wie ich sie vor mir sehe – fertig! Jetzt nur noch anstecken, denn Nasenlader sind klar im Vorteil.

Mit dem Model 3 muss man erst wenden und rückwärts einparken. Dann stellt man fest, dass man auf der „verkehrten“ Seite steht und muss nochmals einparken. Dann feststellen, dass das Kabel zu kurz ist und nochmals einparken – bei meinem Auto hat Tesla nämlich nur ein Fünfmeterkabel mitgegeben.

Klar kann man derlei Erlebnisse auf die Inkompetenz des Fahrers zurückführen. Aber liebe Tesla-Ultras: Ist euch das wirklich noch nie passiert?

Nasenlader Renault Zoe

Nummer 11: Die Ladeleistung

Das mag überraschend klingen, denn das Model 3 gilt als eines der absoluten Lademeister. Stimmt, aber ich spreche hier von AC-Ladung. Schmale 11 kW kann sich das Model 3 maximal ziehen, 22 kW der Zoe. Von den ersten Zoes mit 43 kW AC-Ladeleistung möchte ich hier gar nicht schwärmen.

Der Unterschied ist größer als man meinen mag. Immerhin hat das Model 3 auch einen annähernd doppelt so großen Akku wie der Zoe. Damit vervierfacht sich die AC-Ladezeit. Statt 2,5 Stunden beim Zoe kann es beim Model 3 schon gute 7 Stunden dauern.

Zugegeben, das kommt selten vor, aber vier oder fünf Stunden sind beim Model 3 meine neue AC-Normalität. Bei vielen öffentlichen Ladesäulen mit Zeitbegrenzung wird das schon zum Problem. Auch die vier Stunden-Grenze bis zur Zeitstrafe bei Maingau reißt das Model 3 mühelos.

Schnelles Zwischenladen rentiert sich mit dem Zoe fast immer: 20% plus in 30 Minuten. Beim Model 3 ist es häufig nicht mal die Mühe des Ansteckens wert (6% plus in 30 Minuten).

Nummer 12: Die Mittelkonsole

Auch darüber wurde bereits viel geschrieben und der Zubehörmarkt grünt und blüht rund um dieses Thema. Die Mittelkonsole des Model 3 ist etwa für zehn Minuten nach der Auslieferung hübsch anzusehen. Danach ist sie der Schmutzfänger im Auto schlechthin.

Gleichzeitig wird sie von der Elektronik penibel überwacht. Wenn man die Klappe zu schnell zuknallt, dann kann der Magnet die Klappe nicht festhalten und sie geht wieder auf. Wer mehr als zweimal macht wird auf dem Display mit der Meldung „Abdeckung der Mittelkonsole langsam schließen“ ermahnt. Vielleicht geht auch gleich ein Video aus der Innenkamera an Tesla, wer weiß.

Der Zoe kann auf derlei Komplexität leicht verzichten, die Mittelkonsole aus Hartplastik ist ohne bewegliche Teile relativ unverwüstlich. Sie wird entsprechend meiner Jugenderfahrungen mit südländischen Autos (Fiat Uno in attraktivem Schlammgrau) in Anmut und im selben Tempo wie die Fußmatten altern.

Tesla Model 3 mit Hinweis über die Abdeckung der Mittelkonsole

Aber nicht vergessen: Ich mag das Model 3 sehr 😉


Hier geht es zum Vergleich zwischen Tesla Model 3 und Volkswagen ID.3!


Dieser Artikel ist in einer ähnlichen Fassung auch auf unserem Blog „Elektrisch in Harz und Heide“ zu finden.


Wer mehr lesen möchte: „Das E-Dilemma und die Freude am Fahren“ zu finden.

Schwunkvoll

Warum bloß Tesla?!?

Die Vorgeschichte

Schwunkvoll und warum bloß Tesla?

Stefan Schwunk hat vor zwei Wochen auf seinem YouTube-Kanal Schwunkvoll eine eloquente wie fundierte Analyse seiner Entscheidung für den ID.3 und gegen das Model 3 veröffentlicht, vielen Dank dafür!

Das verdient eine Replik von jemandem, für den diese Abwägung eine andere Entscheidung ergeben hat. Von mir beispielsweise 😉

VW ID.3

Das spannendste Elektroauto von 2020 ist für mich zweifellos der Volkswagen ID.3. Das liegt aus meiner Sicht an mehreren Faktoren:

  • Der ID.3 ist das erste von Grund auf neu konzipierte Elektroauto des weltgrößten (oder je nach Wetterlage zweitgrößten) Autoherstellers.
  • Der ID.3 basiert auf einer komplett neuen Plattform.
  • Der ID.3 ist ein Heckklappenmodell mit ordentlichem Laderaum: 19 Zähler in Björn Nylands Bananenkistentest, das sind zwei mehr als beim e-Golf und drei mehr als beim deutlich längeren Model 3, wie auch Stefan anmerkt.
  • Der ID.3 wurde als „der neue Golf“ positioniert, das könnte sogar funktionieren.
  • Der ID.3 bringt viele elektronische Goodies.
  • Der ID.3 verspricht gute Leistungsdaten bezüglich Reichweite und Ladeverhalten.
  • Der ID.3 wird die Elektromobilität in die Mitte des Automarktes bringen, sie also ins Zentrum der Gesellschaft schieben und kann damit die Wahrnehmung vieler Menschen verändern, eine nicht zu unterschätzende Leistung.
  • Und letztlich ist der ID.3 ein Produkt, das gegen die Erfolgsgeschichte der VW-Verbrenner durchgedrückt werden musste und schon allein deshalb den Erfolg verdient hat.

Vielleicht sind die organisatorischen Widerstände des Systems Volkswagen die Begründung, weshalb der ID.3 den Markt gefühlt eher erkriecht als erobert. Jedenfalls wird er nur stückweise, beginnend mit einer Beta-Version, in den Markt gestellt. Ich möchte das als mutige Entscheidung definitiv gutheißen, dann damit kommen die Autos zumindest auf die Straße und jedes E-Auto im Verkehr ist besser als ein Verbrenner.

Dass der ID.3 tatsächlich fahren kann wird auch von den erbittertsten Kritikern nicht bestritten und hier im Gebiet Braunschweig – Wolfsburg gehört der ID.3 bereits dermaßen zum täglichen Straßenbild, dass Zweifel an der Grundfunktion dieses Automobils, dem Fahren eben, nicht ernstzunehmend sind.

Volkswagen wird einige Luxusfunktionen nachreichen müssen, denn möglicherweise war der Entwicklungsschritt bei der Elektronik ein wenig zu ambitioniert, um den ID.3 bezüglich der Software-Leistungsmerkmale vor Tesla schieben zu können. Das hätte Volkswagen vielleicht erst im zweiten Schritt versuchen sollen.

Riskant ist es schon

Auf der Basis meiner Erfahrung mit Produktentwicklungen traue ich mich zu sagen, dass Volkswagen sehr viele Risiken in die Entwicklung des ID.3 gepackt hat: Die neue Plattform, das neue Antriebskonzept, die neuen Akkus, die neue Hard- und Softwarearchitektur, das neue Vertriebsmodell. So gesehen läuft es insgesamt nicht so schlecht. Funktionale Probleme sind bei Volkswagen als Konzern nicht komplett neu: Mein bislang letzter Audi hatte im ersten Jahr seines Bestehens damit zu kämpfen, dass die Tankanzeige bei etwa jedem dritten Startvorgang einfach nicht aktiv war. Nein, es lag nicht am Sensor, denn es gab keine Warnungen über einen leeren Tank, es war ausschließlich ein Fehler in der Anzeige des Instrumenteneinsatzes. Das ist der Preis, den man als Käufer der ersten Produktionsläufe in Kauf nehmen muss. Nach einem Softwareupdate war der Fehler dann behoben, doch dafür gab es nicht einmal einen Schokoriegel als Ausgleich.

Die ID.3-Kundschaft wird vergleichsweise fürstlich behandelt: Einen kostenloser Satz Winterräder oder drei Leasingraten und zusätzlich 600 kWh Fahrstrom gibt Volkswagen den ersten ID.3s als Trostpflaster mit. Dennoch hat ein Auto aus dem ersten Produktionsjahr für mich generell einen subjektiven Startnachteil.

Und Tesla?

Möchte man viel bessere Software mit dem Auto erwerben muss man auch nicht unbedingt einen Tesla fahren, schon gar nicht das Model 3. Einige relativ selbstverständliche Funktionen gibt es da nämlich überhaupt nicht. Beispielsweise ist es schlicht nicht möglich, die Temperatur- und Lüftungsautomatik ohne die Klimaanlage laufen zu lassen. Routenplanung mit mehr als einem Ziel gibt es nicht und Routenalternativen werden vom Tesla-Planer nicht angeboten. Der AC-Ladestrom kann in der Tesla-App nicht verändert werden, sondern nur im Auto selbst – vermutlich ein Sicherheitsfeature, aber Audi macht sich solche Sorgen beispielsweise nicht. Nach längeren Fahrtstrecken stürzt bei mir gerne mal das Hauptdisplay ab und muss gelegentlich manuell neu gestartet werden: Was dem Windows-Benutzer sein Affengriff war, das sind dem Tesla-Fahrer die beiden Daumen am Lenkrad. Dieses Problem werden zukünftige Software-Releases aber vermutlich lösen.

Beim Innenraum allerdings liegt das Model 3 deutlich vor dem ID.3. Auch beim Umstieg aus einem e-Golf gibt es zum ID.3 eine große Stufe nach unten zu verdauen. Das könnte für den potenziellen Kundenkreis eines relativ teuren Fahrzeugs schon zum mentalen Problem werden, zumal das bei der Reichweite vergleichbare Model 3 Standard Range teilweise weniger als der ID.3 kostet.

Beim Model 3 benötigt man hingegen eine kleine Einschulung fürs Öffnen der Türen, das schafft man beim ID.3 ohne große Vorbereitung. Und über Qualität kann man endlos diskutieren, doch da habe ich bei Volkswagen größtes Vertrauen: Bei der Fähigkeit beim Zusammenbauen von Autos sind deutsche Hersteller generell sehr gut, Volkswagen natürlich auch. Tesla ist da noch in der Lernphase.

Das alles waren jedenfalls nicht die wesentlichen Gründe für mich, die Vorbestellung für den ID.3 zurückzugeben.

Um das zu erklären sind auch einige Vorbemerkungen über meine Bedürfnislage erforderlich. Ich habe beim Leben mit dem Zoe festgestellt, dass ich sehr viel mehr Autobahnkilometer zurücklege als zuvor erwartet und dieser Anteil wird aufgrund meiner beruflichen Anforderungen weiter steigen. Mein Zoe Z.E. 40 ist ein wirklich angenehmes Auto mit sehr guter Reichweite und ohne jegliches Rapidgating, dafür aber mit zwei ausgeprägte Schwächen: Ab 95 km/h Geschwindigkeit wird er überproportional durstig und die Ladegeschwindigkeit von 22 kW AC als einzige Option verlängert die Ladepausen bei Langstrecken auf zumindest 90 Minuten pro Zwischenhalt. Beides drückt deutlich auf den Geschwindigkeitsdurchschnitt. Auch das Facelift-Modell mit etwas vergrößertem Akku (52 kWh) und der CCS-Option (maximal 50 kW) hat beide Schwächen nicht entscheidend verbessert. Der Innenraum ist zumindest spürbar besser geworden und das ist kein Wunder: Nachdem die Technikkosten verdaut wurden, konnte Renault offenbar auch ein wenig Geld ins „Schöner Wohnen“ investieren. Dieser Schritt steht dem ID.3 noch bevor. Wir behalten unseren problemfreien Zoe auf jeden Fall weiterhin für den Nahverkehr und mit dem Model 3 benötige ich auf der Langstrecke nur noch die halbe Fahrzeit.

Die Entscheidungskriterien

Doch kommen wir zurück zum ID.3. Ich habe meine Überlegungen in mehrere Problemkreise unterteilt, die aber nun nicht unbedingt in Reihenfolge der Wichtigkeit aufgezählt sind.

Problemkreis 1: Das Angebot der Vorreservierung. Man konnte zwischen drei Linien wählen, aber die mittlere Linie war bereits ausverkauft, als ich mein Händlergespräch hatte. Es blieb also die etwas nackte Billigversion oder die für mich völlig überladene Komplettfassung „1st Max“, die dann immerhin die Wärmepumpenfunktion mitgebracht hätte. Die Billigversion fand ich für meine Bedarfslage vollkommen ausreichend, aber das Erlebnis der Selbstbeschränkung bei einem relativ teuren Auto musste ich erst verdauen. So richtig glücklich war ich nicht und im Nachhinein gesehen (ich weiß, da ist dann jeder schlau…) war es nicht einmal wirklich notwendig.

Problemkreis 2: Die Reichweite. Alle 1st-Modelle kommen nur mit der 58 kWh-Batterie, der mittleren Größe. Real bedeutet es, dass die WLTP-Reichweite nicht so viel größer als bei meinem Zoe wäre. Für die höchste Ausstattungsstufe „1st Max“ um 48,7 kEUR Listenpreis ist das in der Kerndisziplin „Reichweite“ für mich zu wenig. Keine Frage: Vielen Nutzern reichen 420 Kilometer nach WLTP vollkommen und selbst der „kleine“ Akku würde genügend Reichweite erbringen. Für meine persönlichen Anforderungen ist das leider nicht genug oder sagen wir besser: Ich bevorzuge die größere Reichweite.

Zusätzlich sorgt die höhere Ladeleistung für eine höhere Durchschnittsgeschwindigkeit auf der Langstrecke. Mittlerweile gilt es als E-Auto-Wahrheit akzeptiert, dass eine kleinere Batterie kein echtes Hindernis darstellt, sofern man schnell genug nachladen kann (siehe Hyundai Ioniq). Doch auch der teuerste ID.3 lädt langsamer als das billigste Model 3. Keine Frage, Volkswagen hat hier eine eher konservative Entscheidung getroffen, die den Kunden in Form einer langsameren Degradation und einer größeren Batterielebensdauer zugutekommen wird. Trotzdem sehe ich das persönlich als Nachteil, denn ich kann immerhin die maximale Ladeleistung durch Auswahl der DC-Ladesäule steuern. Falls ich Zeit habe, reicht ein Triple-Charger mit 50 kW, es muss nicht immer ein Supercharger oder Ionity sein.

Die seit 20.07.2020 angebotenen ID.3-Modellvarianten bringen teilweise nun auch die 77 kWh-Batterie mit und kommen damit an die Reichweite des Model 3 Long Range heran. Dafür muss man jedoch mit einer reduzierten Zuladung leben, bekommt nur einen Viersitzer und kann die Anhängerkupplung nicht hinzuwählen. Schon klar, ein Model 3 Long Range mit Anhängerkupplung ist deutlich teurer als jeder ID.3. Dennoch: Ein Viersitzer wäre für meine Familie zu unpraktisch und damit wäre die größere Batterie des ID.3 trotz des geringeren Preises auch keine Lösung gewesen.

Problemkreis 3: Das Ladenetz. Das Supercharger-Netz ist gerade auf der Langstrecke ein echtes Komfortmerkmal des Fahrzeugs, auch wenn es merkwürdig klingt. Insbesondere weil es an jedem Supercharger-Standort mehrere Ladepunkte gibt, ist ein Einzelausfall nicht so nervenaufreibend, wie beim einzigen Triple-Charger einer Autobahnraststätte. Die Ladeplanung mit Ersatzladepunkten kann ich mir mit dem Model 3 sparen, auch wenn das die Romantik des E-Auto-Fahrens spürbar reduziert. Dank dessen ist nun auch die Familie entspannt auf der Langstrecke dabei und muss nicht mehr den gelegentlichen Ladesäulen-Triathlon (Zittern, Suchen, Daumen halten) mitmachen.

Das Ionity-Netz wächst immerhin, ist aber im Rückstand. Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich bin durchaus ein Freund der Ionity-Lader, vor allem auch weil man sich die Ladeleistung niemals teilen muss. Wenn an einem Supercharger-Standort auch Ionity-Säluen stehen, verwende ich sie sehr gerne – auch wegen der großen Anzeige, die zum Zeitvertreib beiträgt. Immerhin ist auch mein bisheriger Laderekord mit 188 kW Ladeleistung an einer Ionity-Säule entstanden. Problem: Mit Ionity-Ladern allein kommt man auf vielen längeren Strecken derzeit nicht aus. Dazu gesellt sich das Volkswagen-Ladestrom-Preismodell, das derzeit entweder wenig verständlich, wenig günstig oder beides ist. Tesla hat immerhin genügend Vertrauen, die Supercharger komplett ohne Bindung oder Abo mit einem akzeptablen Strompreis anzubieten.

Problemkreis 4: Die Wärmepumpenfunktion. Zugegeben, hier sind die Meinungen unter Umständen kontroversiell, viele sehen sie als überflüssig an. Aber die Fakten sind: In der Übergangszeit und im Winter bei Temperaturen bis etwa null Grad spart die Wärmepumpenfunktion viel Strom. Damit erhöht sie die Reichweite (gut für mich) und spart Energie (gut für die Umwelt – und für mich). Gleichzeitig sind die Kosten dieser Funktion für den Hersteller sehr gering. Deshalb nenne ich sie auch bewusst „Wärmepumpenfunktion“, denn man bekommt ja kein zusätzliches Gerät, wie die Bezeichnung „Wärmepumpe“ suggerieren könnte. Es sind nur einige Ventile, um die vorhandene Klimaanlage „verkehrt herum“ zu betreiben, also um die Wärme ins Auto hinein zu transportieren, statt mit der Kühlungsfunktion zu entfernen. Der Unterschied ist bei einer kleinen Batterie durchaus spürbar und kann den Unterschied zwischen Ankommen und Zwischenladen ausmachen, wie meine winterlichen Zoe-Erfahrungen gezeigt haben.

Volkswagen ist einer der wenigen Hersteller, der die Wärmepumpenfunktion nur optional anbietet. Beim Mini Cooper SE von BMW ist die Wärmepumpenfunktion im Gegensatz zum i3 serienmäßig, das könnte man als späte Einsicht bezeichnen.

Unter dem Strich bleibt: Die Ausstattung mit dem mittelgroßen Akku und ohne Wärmepumpenfunktion für ein nicht ganz billiges Elektroauto ist bei meiner geplanten Verwendung mit hohem Langstreckenanteil keine ideale Kombination. Bei den seit 20.07.2020 bestellbaren Modellen ist die Wärmepumpe dankenswerterweise als Option hinzuwählbar, der Aufpreis ist mit mehr als 1.200 Euro aber leider hoch.

Beim Model 3 gibt es die Wärmepumpe nicht für Geld oder gute Worte, dafür ist der Antrieb sehr effizient. Die Praxis mit dem ID.3 wird zeigen, wie er sich in diesem Kapitel schlägt. Mehr Effizienz als das Model 3 ist aber allein schon aufgrund der größeren Fahrzeughöhe schwer vorstellbar. Je nach Fahrprofil wird einmal der ID.3 und einmal das Model 3 weniger Verbrauch haben und bei beiden Autos (wie bei jedem Elektroauto) bleibt der Gasfuß das wichtigste Instrument zur Reichweitenoptimierung.

Problemkreis 5: Lieferzeit. Das Model 3 habe ich als Lagerauto gekauft, mit zwei Wochen Lieferzeit. Das ist vielleicht ein Ausnahmefall, aber so war es! Die Zeitschiene des ID.3 war dagegen über manche Phasen schon ein wenig verunsichernd. Klar war allerdings, dass die frei konfigurierbaren Modelle mit dem großen Akku nicht vor 2021 verfügbar sein würden. Mittlerweile hat sogar der Polestar 2 den ID.3 auf der Zeitachse mehr oder minder überholt, und daran ist Tesla vollkommen unschuldig.

Problemkreis 6: Das Wartungskonzept. Tesla versucht, die Kunden von ihren hochbelasteten Servicecentern wegzuhalten, während Volkswagen die Werkstätten füllen muss. Ganz folgerichtig gibt es bei Tesla keine Wartungsintervalle, während der ID.3 alle zwei Jahre zur Inspektion in die Werkstatt muss – wofür genau ist allerdings derzeit weniger klar. Ärgerlicherweise läuft das Wartungsintervall genau antizyklisch zu den HU-Terminen (zuerst nach drei Jahren, dann alle zwei Jahre). Man muss also nach zwei Jahren Ruhe wirklich jedes Jahr einen Autotermin einplanen (entweder Wartung oder HU), die man zeitlich nicht kombinieren kann, wenn man sich an die Regeln hält. Derlei Unsinn nervt und man bemerkt die Absicht dahinter.

Problemkreis 7: Das industrielle Argument. Selbstverständlich kann man behaupten, dass man mit der Anschaffung eines Tesla deutsche Arbeitsplätze in Gefahr bringt und manche tun das auch. Aber stimmt das wirklich? Ein Model 3 ist ein relativ deutsches Auto, man denke nur an Tesla Grohmann, jene von Tesla übernommene deutsche Automatisierungsfirma. Zudem wird mit der Gigafactory nahe Berlin die Investition und Wertschöpfung in Deutschland nach oben gefahren, während das VW-Werk in Zwickau aufgrund des sehr hohen Automatisierungsgrades mit dem ID.3 gegenüber dem e-Golf nahezu keine neuen Arbeitsplätze schafft. Gleichzeitig trägt Tesla bei der Weiterentwicklung der Schlüsseltechnologie „Batterie“ als Gegengewicht zu China, Korea und Japan erheblich bei, während Volkswagen bis auf ein bisschen Investition ins schwedische Batterie-Startup Northvolt nicht wirklich zu den Treibern gehört. Industriepolitisch finde ich an Tesla also wenig auszusetzen, wenn man das Big Picture sieht.

Randbemerkung: Die Musk-Behauptungen über die baldige Verfügbarkeit eines Level 5-Autopiloten kann man mit etwas Hintergrundwissen nicht wirklich ernst nehmen. Es ist jedenfalls kein seriöses Entscheidungskriterium für oder gegen eines der auf dem Markt verfügbaren Elektroautos. Gut funktionierende Abstandstempomaten und Spurhalteassistenten schaffen heute alle Hersteller.

Meine Frau ist von unserem Model 3 übrigens nicht so überzeugt: Falsche Farbe („schwarz wäre schöner“), falsches Fahrwerk („sollte komfortabler sein“), falsche Türgriffe („die Tür sollte mit einer Hand zu öffnen sein“), falsche Software („sollte nicht so viele nervige Warngeräusche von sich geben“), falsche Bauhöhe („der Zoe ist ausstiegsfreundlicher“), falsches Handschuhfach („sollte sich ohne zweimal am Bildschirm zu drücken öffnen lassen“) und falscher Tempomat („sollte keine nervigen Phantombremsungen machen“).

Die komfortablen Sitze und die Reichweite stören sie glücklicherweise nicht, und genau um die ging es ja zum Glück!

Auf alle Fälle beglückwünsche ich jeden und jede zur Wahl eines ID.3, den ich für ein sehr solides Angebot halte und der eine sehr gute Antwort auf viele reale Anwendungsfälle darstellt. Und wie gesagt: Jedes Elektroauto auf der Straße, das einen Verbrenner einspart, ist ohnehin ein gutes Auto 😉



Wer mehr lesen möchte: „Das E-Dilemma und die Freude am Fahren“ zu finden.


Hier geht es zum Vergleich zwischen Tesla Model 3 und Renault Zoe.


Ein Verweis zu diesem Text findet sich auch auf dem Blog der Wolfsburger E-Mobilisten.