Wie ein Leben vom Elektroauto ruiniert wird

Aus der Abteilung Freitag der 13te

Es ist 2020 und das Elektroauto hat es in die Mitte der Gesellschaft geschafft – im Guten und im Merkwürdigen. Einer meiner Freunde hat mir unlängst die Netflix-Serie „Black Mirror“ empfohlen, die eine Ansammlung unterschiedlicher dystopischer Zukunftsansichten serviert, die letztlich zumeist die Reflexion aktueller Geschehnisse sind.

Beispielsweise die Folge „Nosedive“, die eigentlich bereits in der Gegenwart angesiedelt sein könnte: Jeder bewertet jeden mit Sternchen, das ergibt ein persönliches Rating und die sozialen Möglichkeiten des Einzelnen werden durch ebendieses Rating bestimmt. Das führt naturgemäß zu Stress auf vielen unterschiedlichen Ebenen des Lebens.

Folgerichtig arbeitet die Protagonistin eifrigst an ihrer sozialen Sternchen-Reputation und weil sie sich anstrengt, wird sie von einer alten Schulfreundin zu deren Glamour-Hochzeit eingeladen; beide sind in der Erwartung, dass damit ihre Rankings noch einen kleinen Push nach oben bekommen. Das Unglück nimmt seinen Lauf, als der Flug der Protagonistin zum Schauplatz der Hochzeit ersatzlos gecancelt wird und ihr Rating durch ihre noch maßvolle, aber doch robuste Wortwahl am Check In-Schalter und den darauf folgenden Hinauswurf aus dem Flughafen einen entscheidenden Knick erleidet. Die Alternative zum Flug ist dann ein Mietauto der kleinsten Klasse, natürlich elektrisch.

In dieser Serie gibt übrigens jedes Auto das Betriebsgeräusch eines E-Autos ab, auch wenn es sich ganz offensichtlich um ein Verbrennermodell handelt…

Jedenfalls: Die Reise wird endgültig zur Farce, als die Hauptfigur am ersten Ladestopp vergeblich versucht, das Auto an einer erfreulich großen Autobahn-Ladestation aufzufüllen – der alles entscheidende Adapter fehlt! Der sehr gelangweilte Platzaufseher ist auf keinste Weise hilfreich und bewertet die Hilfesuchende mit schwachen zwei Sternen. Ab nun ist die Verspätung nicht mehr aufzuholen und so geht es auf der Reputationsskala in einer Steilspirale bergab.

Wer hätte gedacht, dass in einer fiktiven Zukunft ein fehlender automobiler Ladeadapter das soziale Ende bedeuten kann! Zweifellos ist das Wasser auf die Mühlen der Kritiker der elektrischen Fortbewegung.

Hat hier jemand Teslas CCS-Adapter in eine düstere Zukunftsvision verwandelt? Eigentlich ist das Problem der Ladesäulenstecker nachhaltig geklärt, zumindest für die großen zusammenhängenden Wirtschaftsräume EU, USA und China.

Und für die wirklich ungünstigen Lebenslagen bleibt die konventionelle Wandsteckdose und der Reiseadapter!

Kein einziges Leben muss also durch die Elektromobilität ruiniert werden 😉

Das Ende der Reichweitenangst

Aus der Abteilung Unwahrscheinliche Innovationen

und Satiren

Neulich trieb ich mich auf einer Website herum, die von einer österreichischen Tageszeitung etwas respektlos als „Internet-Grabbelkiste“ bezeichnet wurde.

Es handelte sich um Wish.

Mit vergleichsweise penetranter Werbung präsentiert sich der Anbieter eines nicht enden wollenden Portfolios an Warenangeboten, das gefühlt zwischen eindeutigen Fake-Produkten (z.B. einseitig bedruckte Euro-Banknoten), Waren des zweifelhaften Nutzens (z.B. Spanneinrichtungen für den aufrechten Gang) und Produktionsausschuss mit teilweise überraschend hohen Preisen (Plastikkiste für Batterien um Euro 2,80 Euro mit maximal 10 Cent Materialwert) changiert.

Dazu kommen Versandkosten, die aus einem günstigen Gadget ein deutlich weniger günstiges Gadget machen können und natürlich niemals refundiert werden, falls jemals irgendetwas refundiert wird. Die Verbraucherzentrale warnt jedenfalls und bietet ein vorkonfektioniertes Beschwerdeformular an. Verständlich, denn mein erster Testkauf einer Micro-SD-Karte mit sagenhaften 512 GB Kapazität um ebenfalls sagenhaft günstigen 5 Euro stellte sich erwartungsgemäß als Niete heraus: Nach 256 Megabyte (nicht Gigabyte!) gab es nur noch Schreibfehler und nach kurzer Zeit versagte das Teil komplett. Das alles trotz des vertrauenerweckenden Markenlogos von Huawei.

Tatsächlich scheint es dann zumindest wie unfreiwillige Komik, wenn genau in jenem Artikel der Computerbild, der vor Wish warnt, zwei Downloadlinks für die Wish-App für IOS und Android prominent in der Mitte des Textes platziert sind – gratis! Diese Links könnte man gleichzeitig mit den Rechtschreibfehlern im Artikel entfernen…

Ich war also skeptisch und negativ vorgespannt, bis ich auf eine Reihe von Produkten stieß, die alle Probleme der Elektromobilität zum Verschwinden bringen würden und uns mit Nostalgie auf die guten alten Zeiten von Reichweitenangst, Ladeangst und Fahrfrost zurückdenken lassen werden.

Das erste diesbezügliche Produkt war eine Powerbank mit 300.000 mAh Kapazität. Das ist erstmal eine abstrakte Zahl, die wir übersetzen müssen. Wir wollen uns nicht mit höherer Mathematik langweilen, aber ganz zu vermeiden ist sie leider nicht: 300.000 mAh entsprechen 300 Ah und – bei der Powerbank-üblichen Spannung von 3,7 Volt – einer Kapazität von 1.110 Wattstunden (Wh) oder 1,11 Kilowattstunden.

Zu Vergleichszwecken werde ich den Audi e-tron mit 95 kWh Kapazität heranziehen. Mit knapp 86 Stück dieser Powerbank könnte man die Antriebsbatterie des Audi ersetzen. Kostenpunkt wäre 1.200 Euro, allerdings ohne Versandkosten. Da müsste man wohl noch gut die Hälfte addieren. Aber immerhin: Eine Austauschbatterie für diesen Audi für unter 2.000 Euro und maximal 40 Kilogramm Gewicht, das muss uns Herr Diess einmal nachmachen!

Alle Bilder (C) wish.com

Doch es wäre nicht die chinesische Ingenieurskunst, würde sie an diesem Punkt bereits Halt machen. Wenige Minuten des Wischens auf meinem Telefon später stieß ich auf eine ähnlich kompakte Powerbank, die aber eine Kapazität von 2.000.000 mAh versprach – zwei Millionen! Gut, der Preis war erheblich höher, 16 Euro nämlich. Zum Ausgleich würden lediglich 13 Stück reichen, um den e-tron genauso lange wie die Originalbatterie anzutreiben. Kostenpunkt? 208 Euro, wieder ohne Versand.

Den Knaller dabei muss ich aber noch erwähnen: Dieses Produkt brachte auch noch eine Solarfläche mit, um die Powerbank aufladen zu können. Dieses Produkt könnte die Rettung des Sion von Sono Motors sein! Gibt’s die überhaupt noch? Ja, tatsächlich, und die gratulieren sich auf ihrer Website immer noch zur gelungenen Crowdfunding-Rettung kurz nach Weihnachten 2019 und haben das Produktportfolio der nichtverkauften Fahrzeuge von PKWs auf kleine und größere Busse ausgeweitet! Bis zum derzeit geplanten Produktionsbeginn der Homologationsfahrzeuge im September 2021 ist noch beruhigend viel Zeit für andere Ideen, bevor man „Teil der Lösung“ werden kann.

Wenn Sono es also schaffen würde, die notwendigen 13 Powerbanks außen auf dem Auto anzubringen, wären alle Probleme des Unternehmens gelöst: Der Sion würde statt der sehr mäßigen 35 kWh (Prospektangabe) beinahe die dreifache Kapazität mitbringen und gleichzeitig würde die Batterie statt 9.500 Euro nur noch unter 300 Euro (inklusive Versand) kosten. Damit könnte die schmerzliche Scharte der exorbitanten Preiserhöhung für die Antriebsbatterie von 2018 rückstandsfrei ausgewetzt werden.

Mein Freund Oliver wäre hocherfreut, weil er dann seine Anzahlung nicht abschreiben müsste und tatsächlich relativ rasch ein fahrbares Auto bekäme.

Zweifel kamen mir dann jedoch einige Produktseiten später: Eine Powerbank mit sagenhaften zehn Millionen Milliamperestunden Kapazität sprang mir förmlich entgegen. Die Glaubwürdigkeit dieses Angebots wurde zwar dadurch belastet, dass es sich bereits um das „Modell 2021“ handelte. Andererseits: Lediglich drei Stück könnten die Batteriekapazität des Audi e-tron aufs Doppelte vergrößern, ein Reichweitenverdoppler im Handschuhfach sozusagen! Und da wird dann mit irgendwelchen Batterieanhängern herumexperimentiert, einfach nur lachhaft.

Als Preis waren moderate 13 Euro pro Stück angegeben. Der geringe Preis ist kein Wunder, das Teil hatte weder eine Solaroption noch die Fähigkeit zur drahtlosen Ladung. Damit müsste man nämlich die Powerbank im Handschuhfach nicht einmal mehr anschließen, das bloße Hineinlegen würde vollkommen ausreichen. Gekühlt wäre das Handschuhfach im Audi ohnehin, ein Rapidgate also nicht zu erwarten. Doch leider: Das funktioniert mit dieser Powerbank nicht.

Das perfekte Produkt ist also noch nicht gefunden, es darf weitergeträumt werden. Ich bin sicher, in China wird bereits daran gearbeitet.

Bis zum nächsten Wisch!