Bonus-Kapitel zum E-Dilemma

Elektromobilität und Benzin

Hier ist ein Bonus-Kapitel zum E-Dilemma, dass es nicht mehr ins Buch geschafft hat. Zum einen, weil es schon ausreichend viele Seiten hatte, andererseits, weil es eher Benzin-Bashing geworden ist und nicht direkt mit Elektromobilität zu tun hat.

Aber im kleinen Kreis darf das auch mal sein, wir sind ja unter uns…

Und natürlich ist das ein kleines Danke an alle, die das „E-Dilemma“ bereits besitzen und vielleicht ein Vorgeschmack für alle, die es noch nicht haben 😉

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So wird Benzin sauber!
Sauberes Benzin?!

Die eine Seite

Benzin hat eine tolle Karriere hingelegt, vor allem als Inbegriff der Sauberkeit.

Jeder Anbieter von Treibstoffen wirbt heute mit den verschleißmindernden, rundlauffördernden, leistungssteigernden und verbrauchsreduzierenden Eigenschaften des jeweiligen Produkts und selbstverständlich mit Reinigung und Sauberkeit in allen relevanten Maschinenkomponenten des Autos.

Die wahren Reinigungsgrößen müssen aber noch erwähnt werden, nämlich das Waschbenzin und das Reinigungsbenzin, zwei ähnlich klingende, aber dennoch unterschiedliche Produkte aus Erdöl. Früher gab es auch noch das Wundbenzin, das aufgrund seiner Bezeichnung zwar gesund erschien, aber wegen seiner nervenschädigenden Folgewirkungen nicht mehr zum Einsatz kommen sollte.

Erstaunlicherweise hat es der Benzinmotor geschafft, im Vergleich zum Dieselmotor das Image der Sauberkeit zu entwickeln und beizubehalten, und kein Rußwölkchen konnte dies bislang trüben.

Trotzdem ist Benzin enorm giftig, sowohl in gasförmigem als auch flüssigem Zustand: Es ist toxisch beim Einatmen oder Verschlucken, kann Gendefekte verursachen, ist stark wassergefährdend, kann Krebs erzeugen, die Fortpflanzung beeinträchtigen und das ungeborene Kind schädigen. Das Vergiftungspotenzial des im Benzin enthaltenen Benzols durch Aufnahme über die Haut ist dagegen weniger bekannt. Die leichte Entflammbarkeit ist in der Konsequenz noch das geringste Übel.

Benzol wird dem Benzin zur Steigerung der Klopffestigkeit des Motors zugesetzt und ist bei Zimmertemperatur bereits flüchtig. Diese Verdunstungsemissionen machen einen erheblichen Anteil des Benzols in der Atemluft aus, der Rest kommt aus dem Auspuff. Im Dieseltreibstoff ist Benzol hingegen kaum enthalten, und in manchen Ländern ist der Zusatz von Benzol zum Benzin sogar stark eingeschränkt.

Nur aufgrund von Ausnahmeregelungen darf Benzin heute überhaupt in Selbstbedienung abgegeben werden. An keinem deutschen Arbeitsplatz dürfte man mit benzolhaltigen Flüssigkeiten so umgehen wie an einer europäischen Tankstelle. Ein minderjähriger Mopedfahrer dürfte niemals eine ähnlich gefährliche Substanz erwerben oder gar offen handhaben.

Bereits 1994 warnte die politische Wochenzeitschrift „Der Spiegel“, dass Benzol ebenso gefährlich sei wie das Supergift Dioxin. Das war möglicherweise übertrieben, gefährlich ist Benzol aber dennoch. Zudem haben wir uns hier überhaupt noch nicht mit den Problemen bei der Rohölgewinnung, dem Transport und der Verarbeitung befasst, die keineswegs zu vernachlässigen sind.

Die Ölpest im Golf von Mexiko als Folge der Explosion auf der Erdölplattform Deepwater Horizon im Jahr 2010, die Ölpest im Nigerdelta ebenfalls 2010, die Ölpest im östlichen Mittelmeer 2006, die Havarie des Tankers Prestige 2002 vor Spaniens Küste, die enorme Ölpest infolge des zweiten Golfkriegs 1991 sowie die Verschmutzung von 2.000 Kilometern brasilianischer Küste 2019. Diese und viele andere Katastrophen müssten den Nutzern fossiler Brennstoff eigentlich zu denken geben.

Ein Elektroauto ist vielleicht nicht vollkommen frei vom Einsatz fossiler Ausgangsprodukte, aber immerhin sehr viel weniger belastet. Zudem gibt es keine Aufenthalte an benzoldunstgeschwängerten Tankgelegenheiten, an denen einem die Dämpfe aus dem eigenen Tank – oder dem anderer – um die Nase wehen. Ein Elektroauto ist also auch eine Investition in die eigene Gesundheit und die der Kinder, falls sie beim Tanken dabei sind.

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Die andere Seite

Wer das Benzol madig macht, sei an eine heute zum Glück überwundene Phase in der Historie des Verbrennungsmotors erinnert: das verbleite Benzin.

Seit 1921 war es im Einsatz und wurde zur Steigerung der Klopffestigkeit von Ottomotoren dem Benzin hauptsächlich deshalb zugesetzt, weil es die US-amerikanischen Hersteller patentrechtlich schützen und damit Geld verdienen konnten, obwohl es bereits damals funktionierende Alternativen gab. Auch dieses Problem hatte der Dieselkraftstoff nicht.

Der Entdecker der Anwendung von Tetraethylblei, wie es chemisch korrekt bezeichnet wird, war Thomas Midgley, ein US-amerikanischer Ingenieur und Chemiker. Er erkrankte selbst an einer Bleivergiftung – Ironie des Schicksals. Aufgrund der weltweiten Verbreitung des Giftstoffes Blei durch seine Entdeckung genießt Midgley den zweifelhaften historischen Ruf, der Urheber der größten Umweltvergiftung aller Zeiten zu sein. Das Schwermetall Blei und viele Bleiverbindungen sind für den Menschen bereits in geringen Mengen giftig und können schon in niedrigen Konzentrationen die Intelligenzentwicklung von Kindern negativ beeinflussen und zu Verhaltensauffälligkeiten wie Aggressivität führen. Blei wird im menschlichen Körper angereichert, kann es weder abbauen noch ausscheiden. Es ist für viele Organismen toxisch.

Als wenn das noch nicht ausreichen würde: Midgley erfand auch den Fluorchlorkohlenwasserstoff, besser bekannt unter dem Kürzel FCKW. Der ist zwar nur schwach giftig, stellte sich aufgrund der Stabilität des Moleküls aber als potentes Treibhausgas mit äußerst negativem Einfluss auf die Ozonschicht heraus. Aus gutem Grund ist FCKW – und viele verwandte Substanzen – heute weitgehend verboten.

Es ist schwierig – eigentlich unmöglich –, ein ähnliches Beispiel in der Menschheitsgeschichte zu finden, in dem ein einziger Mann sowohl für eine globale, flächendeckende Vergiftung am Boden als auch zu einer extrem negativen Beeinflussung der Luft beigetragen hat. Allerdings hatte er dabei massive Unterstützung: Gewinnorientierte Konzerne und staatliche Stellen, die aus unerfindlichen Gründen der Ansicht waren, dass die großflächige Bleiverteilung kein echtes Problem darstellen würde. Bleivergiftungen waren bereits seit Jahrhunderten bekannt, alles egal.

Die (Auto-)Welt ist mit der Einführung des bleifreien Benzins in den 1980ern aber nicht untergegangen. Veränderungen sind also durchaus auch im Automobilsektor möglich, das gibt Hoffnung für die Zukunft der Elektromobilität! Viele Materialien im Elektroauto sind zwar nicht komplett harmlos, der Bleigehalt ist jedoch ziemlich identisch mit dem konventionellen Automobil, nämlich primär konzentriert in Form der 12 Volt-Bleibatterie.

Selbst wenn sie heute nicht das größte Mobilitätsproblem darstellt: Dieses anachronistische Billigteil sollte die Industrie möglichst ausmustern, zumal das technische Know-How dafür ohne Zweifel vorhanden ist.

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